#GESCHICHTE der HEILPFLANZEN (3) – Avicenna, Mittelalter und Klostermedizin

Bild eines Klostergartens. Oberrheinischer Meister: Das Paradiesgärtlein, um 1420 Link zu wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Klostergarten

Das Antike Wissen ging beinahe verloren

Die Schriften Hippokrates, Dioskurides und Galens waren mehr oder weniger unverändert durch die Jahrhunderte beibehalten und weitergereicht worden. Sie waren die Grundlagen des gesamten damaligen medizinischen Wissens des Abendlandes.

Doch es stand vor dem Untergang. Das weströmische Reich wurde von unterschiedlichen Germanenstämmen eingenommen, denen die antike Geisteswelt fremd war. Und schließlich wurde auch noch im Zuge der Christianisierung der oströmischen Kaiser 529 n.Chr. durch Justinian I. das gesamte antike Wissen für heidnisch erklärt! Eine Katastrophe, denn alle Bibliotheken – wie die berühmteste und umfangreichste in Alexandria – gingen in Flammen auf und die Philosophieschulen geschlossen.

Philosophen, Wissenschaftler und Ärzte gingen ins Exil und fanden mit ihren geretteten Resten der antiken Literatur in Syrien und Persien eine neue Wirkstätte. So konnten sie in der islamischen Welt das Erbe des klassischen europäischen Geistes weiter pflegen. Um 800 n.Chr. verfasste Mesuë der Ältere (✝ 857) ein Traktat über einfache und zusammengesetzte Arzneien, das bis ins 17. Jahrhundert die Medizin und Pharmazie beeinflusst hat. Er gehört damit zu den Vertretern der ersten Periode der arabischen Medizin.

‚Ex oriente Lux‘ – Von Avicenna bis zu den Mauren

Sowohl der Perser Rhazes (865-925), der unter anderem das riesige Werk Galens strukturierte und übersetzte, als auch der berühmte islamische Arzt Avicenna (Ibn Sīnā 980-1037) erweiterten das medizinische Wissen des europäischen Altertums. Avicenna zählt zu den berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit er tauschte sich philosophisch mit dem berühmten Gelehrten al-Bīrūnī aus und galt bis weit ins 16. Jahrhundert als medizinisch-philosophische Autorität. Er hat insbesondere die Geschichte und Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt. SeinCanon medicinaeblieb bis ins 17. Jahrhundert eins der wichtigsten Lehrbücher.

Avicenna (Ibn Sina) Orientalisches Bild aus dem Mittelalter von Autor/-in unbekannt - http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Avicenna-Miniatur.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4925110
Von Autor/-in unbekannt – http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Avicenna-Miniatur.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4925110

Während der Zeitspanne von 500 bis 1000 n.Chr. wurde so die islamische Medizin von der Antiken Geisteswelt inspiriert und kehrte von dort wieder zurück nach Europa. Den Anfang machte Constantinus Africanus (ca. 1020-1087), ein nordafrikanischer medizinischer Forscher aus Karthago. Er war Fachautor, Übersetzer und Laienbruder des Benediktinerordens. Ihm fiel bei einem Besuch des Klosters Salerno mangelnde medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten der dort wirkenden Mönchsärzte auf. Daraufhin sammelte er in seiner arabischen Heimat alle ihm erreichbare medizinische Literatur, kehrte mit dieser nach Salerno zurück und gründete um 1058 die berühmte Ärzteschule von Salerno. Ihre Blütezeit hatte die Medizinschule von Salerno und damit die Salernische Heilkunde etwa von 1100 bis 1180. Im 13. Jahrhundert war sie als einzige Medizinschule im Königreich durch Friedrich II. offiziell anerkannt. Aus der Schule von Salerno ging die von etwa 1150 bis 1300 bestehende scholastische Medizin hervor.

Weitere Beispiele für das ‚ex oirente lux‘ (lat.: „Aus dem Osten kommt das Licht“) sind die Gründungen der ersten europäischen Universitäten in Portugal und Spanien durch die Mauren im 12. Jahrhundert.

Klöster die Hüter des medizinischen Wissens

In Mitteleuropa erwiesen sich die Klöster als die Hüter von Kunst und Wissenschaft. Nahezu 500 Jahre lang war das Studium, die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, nur in Klöstern erlernbar. Bald entstanden in den Klosterschulen und Bibliotheken von unschätzbarem Wert. Durch das benediktinische Gebot der Arbeit ‚ora et labora‚ mehrten die Klöster ihr Wissen und setzen es gleichzeitig für ihren Erhalt ein.

Die Klöster wurden mächtig und reich. Auch durch die sie umgebende Landwirtschaft. Die Bauern lieferten einen Teil ihrer Ernte bei den Klöstern ab. Mönche rodeten Wälder, machten die Flächen urbar und erfanden neue Methoden des Ackerbaus. Zudem legten sie in ihren Mauern spezielle Gärten für Gewürze und Heilkräuter an – Klostergärten der Grundstock für die Klostermedizin.

Mönche und Nonnen schufen so die Grundlagen der modernen Medizin. Sie verbanden die Lehre von Heilkräutern, Arzneipflanzen, der Ernährung und des christlichen Glaubens zu einer ganzheitlichen Medizin. In den Klostergärten wurden nicht nur Kräuter für den Eigenbedarf angebaut, sondern auch zur Behandlung von Kranken aus der Umgebung. Viele Klöster betrieben auch schon spezielle Hospitäler und Siechenheime.

Benedikt von Nursia und Karl der Große

Die Ursprünge der Klostermedizin beginnen in den frühesten Zeiten der Klostergeschichte. Das Mönchstum erlangte durch Benedikt von Nursia und seine Klostergründung von Monte Cassino um etwa 529 weltgeschichtliche Bedeutung. Der Gründervater des Benediktinerordens verpflichtete die bisher wandernden Mönche zur Beständigkeit (stabilitas). Seine Ordensregel („Regula Benedicti„) durchdrang alle Bereiche des klösterlichen Lebens und wurde Vorbild für die abendländischen Klöster.

Von den Kräuterkenntnissen auf dem Monte Cassino gegründeten Benediktinerordens lernten viele andere Orden sowie kein geringerer als Karl der Große (748 – 814 n. Chr.).

Seine Landgüterverordnung, die „Capitulare de villis“ ist eine detaillierte Vorschrift über die Verwaltung der Krongüter. Der Zeitraum der Entstehung ist umstritten, die Datierung reicht von 770–813. Das Capitulare de villis schreibt die Dreifelderwirtschaft, den Weinbau, die Obstpflege, die Zucht von Hausvieh und Herdenvieh, Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Ziegen, Bienen, Fischen bis ins einzelne als Bestandteile vorbildlicher Musterwirtschaften vor. Auch sorgte Karl der Große für einen verstärkten Anbau von Würzkräutern und Heilpflanzen als er eben diese Pflanzen in die Verordnung aufnahm. Im 70. Kapitel sind 73 Nutzpflanzen (einschließlich (Heil)kräutern) und 16 verschiedene Obstbäume genannt. Diese sollen die Verwalter in allen kaiserlichen Gütern anpflanzen, wenn es die klimatischen Gegebenheiten zu ließen.

Die Verordnung greift auch auf noch vorhandenes Wissen über die römische Landwirtschaft zurück. Der Erlass über die Krongüter sollte die Versorgung Karls des Großen und seines großen Hofes sichern, der sich laufend auf Reisen befand. Es galt, die königlichen Pfalzen mit entsprechenden Vorräten auszustatten.

Bild einer mittelalterlichen Klosteranlage mit Klostergarten. Historisches Bild von Autor/-in unbekannt - http://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/publikationen_und_service/nachrichtenblaetter/2004-03.pdf#page=32, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41939983
Von Autor/-in unbekannt – http://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/publikationen_und_service/nachrichtenblaetter/2004-03.pdf#page=32, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41939983

Der ideale Klostergarten und die Klostermedizin

Walafried Strabo, ab 838 Abt des Klosters Reichenau, nennt in seinem Lehrgedicht über den Gartenbau (‚Hortulus‚ von 1510 ) 23 Gartenpflanzen der Reichenauer Beetanlage und bringt sie mit der christlichen Heilslehre in Verbindung. Das 724 von Pirminius gegründete Kloster war eines der bedeutendsten Klöster der karolingischen Zeit.

Die Mönche vertieften in klostereigenen Gärten ihre Studien in Medizin und Kräuterheilkunde und gaben ihr Wissen innerhalb des Klosters weiter. In der Stiftsbibliothek St. Gallen sind fünf zusammengenähte, handbeschriebene Pergamentstücke aufbewahrt. Auf ihnen ist der Plan einer idealen Klosteranlage verzeichnet ist, der Sankt Gallener Klosterplan. Die Aufzeichnung diente fortan vielen Klöstern als Modell für die Anlage der Kräutergärten. In den länglichen rechteckig angelegten Beeten haben die Mönche jeweils nur eine Pflanze kultiviert. Damit konnte die Reinheit des Krauts gewährleistet und Verwechslungsgefahr vermieden werden.

Lorscher Arzneibuch und Macer floridus – erste handgeschriebene Werke der Mönche

Ihr Wissen über die Heilpflanzen schrieben die Mönche nieder. Umfangreiche klostermedizinische Werke entstanden. Zur Zeit Karl des Großen, im 8.Jahrhundert wurde im Kloster Lorsch das medizinische Wissen im „Lorscher Arzneibuch“ niedergeschrieben.

Das Lorscher Arzneibuch ist eine umfangreiche, in Lorsch verfasste medizinische Handschrift aus der Zeit Karls des Großen, entstanden wahrscheinlich um 785. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischenFrühmittelalter bzw. das älteste erhaltene medizinische Buch Deutschlands.[1] Geschrieben wurde das 482 Rezepturen enthaltende Arzneibuch unter benediktinischerÄgide in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch (heute Kreis BergstraßeHessen), wohl unter Richbod, dem Abt der Reichsabtei.[2] Seit ca. 1000 Jahren befindet es sich in Bamberg und wird heute in der Staatsbibliothek Bamberg (Signatur des Bamberger Kodex: Msc.Med.1; alte Signatur: L.III.8) verwahrt. Am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg wurde von Ulrich Stoll und Gundolf Keil die Handschrift in einem dreijährigen Projekt bis 1989 faksimiliert, ediert und ins Deutsche übersetzt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCOWeltdokumentenerbe.[3][4] Das Lorscher Arzneibuch ist als planmäßig angelegtes heilkundliches Kompendium das älteste deutsche Arzneibuch.[5] (Quelle: wikipedia – Lorscher Arzneibuch)

Später im 11. Jahrhundert verfasste der Mönch Odo de Meung den „Macer floridus„, ein Standardwerk der Kräuterheilkunde. Es fand überall in Europa Verbreitung.

Macer floridus, auch De viribus herbarum, ist ein von Odo Magdunensis (= Odo von Meung)[1] verfasstes, früher Aemilius Macer namensgebend zugeschriebenes, Lehrgedicht über die gebräuchlichsten Heilkräuter in der Form der lateinischen Hexameter. Es entstand um 1065[2][3] in Westfrankreich, wurde in viele Sprachen übersetzt und galt im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum als Standardwerk der Kräuterheilkunde. (Quelle: wikipedia)

Vom Klostergarten zum Bauerngarten

Die Klostermedizin befand sich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt. Jahrhundertelang hüteten und vertieften Mönche das medizinische Wissen und die Geheimnisse der Heilpflanzen in ihren Bibliotheken. Erst die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert ebnete den Weg für die weitere Verbreitung ihrer Kenntnisse. Fortanlegten Adel und Ritter nach dem Beispiel der Klostergärten ihre Burggärten an.

Auf dem Lande entstanden Bauerngärten, in den Städten verbreiteten sich die Pfarr- und Apothekergärten. Das Wissen der Mönche über Arzneipflanzen und deren Wirkungen ebnete den Weg von der medizinischen Grundversorgung zur Entwicklung der heutigen Schulmedizin.

Bild eines Klostergartens. Oberrheinischer Meister: Das Paradiesgärtlein, um 1420
Link zu wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Klostergarten
Bild eines Klostergartens. Oberrheinischer Meister: Das Paradiesgärtlein, um 1420 Link zu wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Klostergarten

Forschergruppe Klostermedizin

In Deutschland hat sich eine kleine Schar von Wissenschaftlern zum Ziel gesetzt, die Schätze der klösterlichen Heilkunde zu heben. Ihren Sitz hat die Forschergruppe „Klostermedizin am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg. An dem Projekt arbeiten Mediziner, Botaniker, Chemiker, Pharmazeuten und Historiker. Zum ersten Mal wurden die alten Erkenntnisse der Mönche und Heilkundler systematisch erfasst und wissenschaftlich aufbereitet.

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Lies auch: Geschichte der Heilpflanzen (1) – Von der Steinzeit bis zur Antike

Und: Geschichte der Heilpflanzen (4) – Hildegard von Bingen, die Alchimisten und die Signaturenlehre Paracelsus‘

Der LÖWENZAHN – essbar und heilend

Der Löwenzahn trägt viele Namen: Pusteblume, Butterblume, Kuhblume und wegen ihrer harntreibenden Wirkung wird er in manchen Gegenden auch Pissblume, Seichkraut, Bettsoicher oder Bettsäächer genannt. Am Kaiserstuhl wird er Bieselin genannt, wie ich kürzlich erfahren habe. In Frankreich nennt man ihn „pis en lit“.

Die „Pusteblume“, wie sie von Kindern genannt wird, wächst praktisch überall und ist nahezu unausrottbar. Was allerdings auch auf seine Vitalität und Kraft auch als Heilpflanze hinweist.

Er ist eine alte Kulturpflanze und sein lateinischer Namenszusatz officinale deutet schon auf eine Nutzung in Klostergärten hin. Die Blätter, Blüten und Wurzeln werden in der Kräutermedizin oder als Lebensmittel verwendet. Auch in traditionellen chinesischen Medizin  (TCM) wurden seine diuretischen, sprich harnfördernden Eigenschaften seit über 2.000 Jahren verwendet.

„Reichlich Bitterstoffe verdanken wir dieser Pflanze, sie können die Tätigkeit der Leberzellen fördern und diese schützen. Unsere Leber speichert Energiereserven und setzt sie frei, wenn sie benötigt werden. „Schon bevor die moderne Medizin diese Zusammenhänge erkannte, galt die Leber als Energiezentrum des Körpers“, schreiben Anne Wanitschek und Sebastian Vigl in ihrem Buch und ergänzen: „Daher empfahlen Pflanzenheilkundler unterschiedlicher Epochen Leberheilpflanzen bei Energielosigkeit.“

Die moderne Medizin bezeichnet Müdigkeit auch als den Schmerz der Leber. Wenn die Leber schwächelt, ist der ganze Organismus kraftlos. Der Löwenzahn bietet hier eine gute Unterstützung – auch dann, wenn wir die Folgen unseres oft ungesunden Lebensstils spüren und einen Helfer benötigen, um z. B. bewusster und weniger zu essen. (Quelle: Natur & Heilen – Stimulanzien aus der Natur, Februar 2023)

Botanisches

Löwenzahn (Taraxacum) ist eine Pflanzengattung innerhalb der Familie der Korbblütler (Asteraceae). Ihre bekannteste Art ist der auch in Mitteleuropa sehr häufig vorkommende Gewöhnliche Löwenzahn, die „Pusteblume“, „Butter-“ oder „Kuhblume“. Die Gattung Taraxacum ist nicht zu verwechseln mit der in deutscher Sprache meist gleich benannten und sehr ähnlichen Gattung Leontodon innerhalb derselben Familie. (Quelle: wikipedia)

Vorkommen

Ursprünglich in den gemäßigten Zonen Europas und Asiens vorkommend, ist er mittlerweile weltweit verbreitet. Vom Flachland bis ins Gebirge wächst der Löwenzahn auf Fettwiesen, Weiden, Äckern, Schutt, Wegränder, Parkanlagen und in Gärten – sogar zwischen Pflastersteinen setzt er sich durch! Als sogenannte „Rosettenpflanze“ wächst er immer wieder aus seiner bis zu zwei Meter (!) langen Pfahlwurzel nach. Dadurch setzt sich der Löwenzahn besonders an Stellen durch, wo andere Pflanzen durch Tritt oder durch Mahd zerstört werden.

Anmerkung: Der Gewöhnliche Löwenzahn ist sehr leicht mit anderen Pflanzen seiner Gattung zu verwechseln, die manchmal nur durch die Form der Samen unterschieden werden können.

Geschichtliches

Bei den antiken hellenistischen Ärzten wird der Löwenzahn nicht explizit erwähnt. (siehe auch Geschichte der Heilpflanzen hier im Blog). Erst bei Avicenna und den Arabischen Ärzten des 11. Jahrhundert und später in den Kräuterbüchern fand er Aufmerksamkeit. Seit dem 16. Jahrhundert ist er als Heilmittel anerkannt. Vermutlich hatte er in der Volksheilkunde wohl schon länger Bedeutung, obwohl Hildegard von Bingen – eigentlich gut bewandert in der Naturküche – ihn als Heilpflanze nicht erwähnt hat. Auch dass er essbar ist, muss ihr völlig unbekannt gewesen sein.

Später bei den früheren Apothekern des Spätmittelalters, fand er dann Eingang in das Officium fand (daher auch sein Name „officinale“). Die entwässernde und diuretische Wirkung liest man aus seiner Bezeichnung als „Herba urinaria“ bei den galenischen Pillen- und Zäpfchendrehern heraus. Er galt als Mittel gegen Durchfall, Wasserretention, Gicht, Gelbsucht und damit vor allem Galle- und Leberleiden.

Als Taraxum mongolicum wird er in der chinesischen Pharmakologie schon seit Jahrtausenden verwendet: zur Beseitigung von Hitze- und Giftstoffen aus der Leber und zur Behandlung von Furunkeln (sie können auf der Haut als das Entgiftungsorgan bei Leberschwäche entstehen).

Inhaltsstoffe

Der hohe Anteil an Bitterstoffen (Taraxacinen) soll die Gallensekretion erhöhen und die Magensaftproduktion steigern. Die Bitterstoffe sind Lactucopikrin (auch Taraxacin genannt), Triterpenoide und Phytosterine.

Der Löwenzahn gehört zu den schon in der Volksmedizin bekannten Naturheilkräutern. Er enthält etwa zehnmal so viel Vitamin C wie Kopfsalat. Neben dem Bitterstoff Taraxacin, enthält der Löwenzahn auch den für Diabetiker geeigneten Zuckerersatzstoff Inulin, dazu Cholin, Vitamin B2, Harze, Triterpene und verschiedene Carotinoide. Sein Provitamin A Gehalt ist höher als der von Karotten. Bemerkenswert ist sein hoher Kaliumgehalt.

Pharmakologie

Die Apothekerdroge aus Löwenzahn wird Taraxaci radix cum herba genannt, da man Löwenzahnwurzel (radix) und -kraut (herba) verwendet.

Die Bitterstoffe des Löwenzahns haben eine appetitanregende Wirkung und fördern die Magensaftsekretion. Zudem regen sie die Leberzellen zur vermehrten Sekretion von Gallensäuren an, sind also choleretisch und auch cholagog. In den Nieren stimuliert vor allem der hohe Gehalt an Kalium eine Steigerung der Diurese.

Außerdem werden ihm auch krampflösende (spasmolytische) und entzündungshemmende (antiphlogistische) Eigenschaften zugeschrieben.

Anwendungsgebiete

Störungen des Gallenflusses. Zur Anregung der Diurese (Harnausscheidung über die Nieren). Bei Appetitlosigkeit, Völlegefühl und dyspeptischen Beschwerden mit Meteorismus.

Mit seiner harntreibenden Wirkung wurde er auch zur sogenannten „Blutreinigung“ eingesetzt: Als Teil einer Frühjahrskur mit Kräutern hilft er dem Körper zu „entschlacken“, wie man früher gesagt hat, da er sämtliche Verdauungsorgane, Niere und Blase anregt. Dies wirkt sich laut Studien auch positiv auf Rheumatismus oder Gicht aus.

Heute ist er gerne Bestandteil sogenannter Detox-Tees, die ebenfalls als Frühjahrskur zum Beispiel in der Integrativen Ernährung von Claudia Nichtlerl eingesetzt werden.

Nebenwirkungen: Es können vereinzelt Magenbeschwerden auftreten. Keine Wechselwirkungen bekannt. Nur bei Leber- Galleleiden ärztliche Abklärung notwendig.

Löwenzahn (Taraxacum officinale) im Weinberg bei Durbach, April 22, 
Foto: Ute Mangold, wiesengenuss
Löwenzahn (Taraxacum officinale) im Weinberg bei Durbach, April 22,
Foto: Ute Mangold, wiesengenuss

Ernte

Vor allem im Frühjahr von März bis Juni ist die beste Erntezeit für Blüten und Blättchen. Zarte Blätter können aus der Rosette das ganze Jahr über frisch geerntet werden.

In der Küche

In Frühjahrssalaten wirkt er appetitanregend. Die Blätter des wilden Löwenzahns sind etwas bitterer als die des Kulturlöwenzahns. Ältere Blätter können gekocht als Gemüse auf vielfältige Weise zubereitet werden. Aus Löwenzahnblätter, Wegerich und Brennnesseln wurde früher eine hervorragende Suppe mit vielen Vitaminen und entschlackenden Bitterstoffen zubereitet. Bei vollem Sonnenschein geerntet ergeben die Blüten ein goldgelbes Gelee oder einen Sirup, den „Löwenzahnblütenhonig“. Aus den Blüten lässt sich auch ein intensiv gelber Tee zubereiten oder der in angelsächsischen Ländern beliebte spritzige „Dandelion wine“. Die Blütenknospen können wie Kapern eingelegt werden. Aus den Wurzeln lässt sich sogar Kaffee aufbrühen. Vor allem in der Nachkriegszeit wurde er ähnlich wie Zichorienkaffee eingesetzt. In Japan wird die Wurzeln in Öl und Sojasauce gebraten oder in Brandteig ausgebacken.

Löwenzahnblütenhonig und Ziegenkäse auf Schieferplatte. Mit Zitrone und gelben Löwenzahnblüten. Foto: Ute Mangold, wiesengenuss
Löwenzahnblütenhonig Foto: Ute Mangold, wiesengenuss

Frühling und Löwenzahn

Eine meiner liebsten Frühlingstätigkeiten ist es, Löwenzahn zu ernten. Und zwar die Blüten. In den Weinbergen (ökologisch bewirtschaftet, natürlich), auf Wiesen und Weiden – und leidlich auch in meinem Garten. Ich gebe zu, selbst als Botanikerin und Wildkräuterköchin ist mir der Löwenzahn in meinem eigenen Garten nicht so wirklich willkommen. Gewesen. Das hat sich dieses Jahr geändert. Ich versuche ihn nicht mehr auszustechen, denn er sticht mich jedes Jahr eh wieder aus. Er bleibt, er vermehrt sich und nutzt jede unbewachsene Lücke in meinem Garten einfach aus. Da kann frau nichts machen, denn beim Ausstechen bleibt halt doch immer ein Wurzelrestchen drin. Wie soll man auch eine bis zu 2m lange Pfahlwurzel ausstechen? Und dann fliegen die Samen ja auch immer wieder herein, so dass er jetzt – im April – wieder einen regelrechten Teppich bildet. Aber, nur eben an den Stellen, an denen sonst nichts wächst. So what? Besser als nackte Erde. Und die Spinnentiere, Würmer und Insekten des Gartens danken es mir, weil sie sich verstecken können im Schatten des Löwenzahns. Mal abgesehen von den Milliarden von Mikrolebewesen, die sich in einer Handvoll Erde befinden… Also diesmal darf er bleiben. Er bleibt ja eh 😉 Und irgendwie sind seine gelben sonnigen Blüten halt schon hübsch anzusehen. Also ernten, essen und verarbeiten, statt bekämpfen. Die Köpfchen ernten, bevor sich aus ihnen Pusteblumen bilden. 

Und daraus lässt sich schließlich ein wunderbarer Sirup oder ein Gelee zaubern. In denen wahrlich die Sonne eingefangen ist. Beim Kochen entfaltet sich ein wohlig warmer Geruch, nach Wiesenhonig, Frühlingsluft und Blüten. Löwenzahnblütenhonig. Auch ohne Bienen. 

Wichtig ist, dass die Blüten bei Sonnenschein geerntet werden, wenn sie ganz aufgefaltet sind, denn dann enthalten sie den aromatischten Nektar. Das Rezept kann man sich übrigens ganz einfach merken: Blüten, Zucker, Wasser, Zitrone – alles eins zu eins.

Löwenzahnblütenhonig und Ziegenfrischkäse

Zubereitung des Löwenzahnblütenhonigs

1 L Löwenzahnblüten (ca. 200g)
1 L Wasser
1 kg Zucker
1 Zitrone

Die Zitrone in etwa 1 cm dicke Scheiben schneiden. Die Löwenzahnblüten von den Stängeln befreien, aber die Blütenböden dran lassen. Zusammen mit den Zitronenscheiben in einen Topf mit 1 L Wasser geben. Kurz aufkochen, von der Herdplatte nehmen und bei geschlossenem Deckel etwa 20 min ziehen lassen. Anschließend durch ein gebrühtes Leinentuch oder ein feines Sieb abseihen und zusammen mit dem Zucker wieder aufkochen. Auf mittlerer Hitze etwa 1 Stunde leicht köcheln lassen bis die gewünschte sirup- oder honigartige Konsistenz erreicht ist.

Der selbstgemachte Löwenzahnblütensirup passt wunderbar zu einem Salat mit Ziegenkäse oder zu Erdbeeren und anderen Desserts über die er einfach darüber geträufelt wird. 

Bild von Löwenzahnblütensirup im Weckgläschen. Bild Ute Mangold, wiesengenuss