ENGELWURZ (Angelica) – von Engeln gebracht und magenstärkend

Engelwurz (Angelica sylvestris) und Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica L.)

Familie: Apiaceace (Doldenblütler)

Bildtafel: Strätta, Angelica sylvestris L., Carl Axel Magnus Lindman  (1856–1928) «Bilder ur Nordens Flora» Stockholm

Titelfoto: Angelica sylvestris in einer Feuchtwiese (c) Ute Mangold

Die Engelwurz mit ihrem typischen würzigen Geruch ist eine alte Heil- und Gewürzpflanze. Im Paris des 19. Jahrhunderts gab es kandierte Engelwurzstängel als Süßigkeit zu kaufen. Dazu werden junge Blattstängel vor der Blüte geerntet und mit Wasser, Zucker und Zitrone kandiert. Ähnlich wie mit Orangeat oder Zitronat lassen sich damit wunderbar Süßspeisen aromatisieren. Zarte Engelwurzstängel eignen sich auch zur Herstellung eines Sirups. Er hat ein würziges Aroma, das fast an Waldmeister erinnert. Die Wurzel der Angelika ist eine Zutat verschiedener magenstärkender Liköre wie Chartreuse, Bénédictine oder Karmelitergeist. Auch im Klosterfrau-Melissengeist und Doppel-Herz ist Angelikawurzel enthalten.

Die Engelwurz wird nicht nur als Heilpflanze, sondern auch in der Küche verwendet:

  • Stängel: Die jungen Stängel können kandiert und als Süßigkeit oder zur Dekoration von Desserts verwendet werden.
  • Blätter: Junge Blätter eignen sich als Würzkraut in Salaten und Suppen.
  • Wurzeln: Getrocknete und gemahlene Wurzeln können als Gewürz verwendet werden, um Speisen einen leicht bitteren, aromatischen Geschmack zu verleihen.
  • Samen: Werden manchmal als Gewürz verwendet und verleihen Gerichten eine würzige Note.

Ernte der Engelwurz

Sollten die jungen Stängel sollten vor der Blüte bis Juni geerntet werden. Danach wird der Furocumaringehalt zu hoch und kann bei empfindlichen Menschen Hautirritationen hervorrufen.

Vorsicht! Wie bei allen Doldenblütlern besteht auch hier Verwechslungsgefahr mit dem hochgiftigen Schierling! Deshalb nur verwenden, wenn die Pflanze genau bestimmt wurde.

Historisches

Bereits im Mittelalter wurde die Pflanze von Heilkundigen wegen ihrer vielfältigen medizinischen Eigenschaften geschätzt. Der Name „Engelwurz“ leitet sich aus der damaligen Vorstellung ab, dass die Pflanze von Engeln gebracht wurde, um die Menschen vor Krankheiten zu schützen. Der Name der Angelica archangelica bezieht sich auf den Erzengel Raphael, der sie in Zeiten der Pest einem Eremiten als Heilmittel empfohlen hat. Tatsächlich kauten während der Pestepidemien Ärzte die Wurzel der Engelwurz, um sich vor der Pest zu schützen. Im Mittelalter war die Engelwurz neben Bibernelle, Enzian, Wacholderbeere und Blutwurz in allen Klostergärten zu finden. In der nordischen Mythologie wird sie ebenfalls erwähnt und galt als magische Pflanze, die Schutz vor bösen Geistern bot.

Die Engelwurz (Angelica sylvestris), auch Wilde Angelika genannt, hat eine lange Tradition in der Heil- und Küchenkräuterkunde.

Botanisches

Die Engelwurz ist in Europa und Teilen Asiens heimisch. Sie wächst bevorzugt auf feuchten Wiesen, in Auwäldern, an Flussufern, in Gräben und an Waldrändern. Die Pflanze bevorzugt nährstoffreiche, feuchte Böden und kann in Höhenlagen bis zu 1500 Metern gefunden werden. Die Engelwurz ist eine der größten heimischen Doldenblütler und kann bis zu 2,5 m hoch werden.

Die noch imposantere, nah verwandte Arznei-Engelwurz „Angelica archangelica“ wächst in Nord- und Osteuropa bis nach Sibirien und verströmt einen wunderbar aromatischen Duft. Beide haben einen gerieften runden Stängel, der sehr robust ist, oft rötlich und innen hohl. Der „Rhabarber des Nordens“. Ihre großen Blätter sind 2- bis 3-fach gefiedert und am Rand ungleichmäßig gesägt. Die Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) hat große Blütendolden, deren Farbe von weiß bis rosa reicht. Die Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) blüht hellgrün bis gelb.

Inhaltsstoffe

Für ihren würzigen, fast moschusartigen Geruch sorgt ihr Gehalt an Cumarinen und an ätherischen Ölen, vor allem den Terpenen. Ihre Inhaltsstoffe haben eine nerven- und magensstärkende Wirkung. Engelwurz enthält eine Vielzahl von bioaktiven Verbindungen, darunter:

  • Ätherische Öle: Hauptbestandteile sind α-Pinen, Limonen, Sabinen und β-Phellandren.
  • Cumarine: Angelicin, Bergapten, Imperatorin.
  • Bitterstoffe: Angelicasäure, Bitterstoffe, die den Appetit anregen.
  • Flavonoide: Quercetin, Kaempferol.
  • Gerbstoffe

Wirkungen

Die Inhaltsstoffe der Engelwurz haben eine Reihe von pharmakologischen Wirkungen:

  • Antimikrobiell: Die ätherischen Öle wirken gegen Bakterien und Pilze.
  • Entzündungshemmend: Flavonoide und Cumarine reduzieren Entzündungen.
  • Verdauungsfördernd: Bitterstoffe regen die Produktion von Verdauungssäften an und fördern den Appetit.
  • Krampflösend: Ätherische Öle und Cumarine wirken entkrampfend auf die glatte Muskulatur.
  • Schmerzlindernd: Cumarine haben analgetische Eigenschaften.
  • Beruhigend: Einige Bestandteile der ätherischen Öle wirken beruhigend und können bei Nervosität helfen.

Arzneilich verwendete Pflanzenteile

In der modernen Phytotherapie wird die Engelwurz vor allem bei Verdauungsbeschwerden, Appetitlosigkeit, leichten Krämpfen und Erkältungskrankheiten eingesetzt.

Angelikablätter (Angelicae folium, syn. Folium Angelicae); die getrockneten Blätter. Inh.: äther. Öl, ca. 0,1 %, mit β-Phellandren (33,8 %), α-Pinen (27 %) und β-Pinen (23,9 %) als Hauptkomponenten; außerdem Furanocumarine, u. a. Angelicin, Bergapten, Imperatorin und Oxypseudanin, jedoch kein Osthal. (Quelle: Melzig, Lexikon der Arzneipflanzen)

Angelikawurzel (Angelicae radix Ph. Eur., < 2 ml/kg ätherisches Öl) ist die getrocknete Wurzel und das Rhizom der Echten Engelwurz, Angelica archangelica L. (Apiaceae). Die Droge enthält 0,2-1,3% ätherisches Öl, Hauptbestandteile sind Monoterpenkohlenwasserstoffe (Anteil 80-90%), besonders .a-Pinen, ß-Phellandren, a-Phellandren und in einigen Herkünften auch Car-3-en, Limonen und Sabinen. Geruchsträger sind vor allem moschusartig riechende makrozyklische Lactone, u. a. 13-Tridecanolid und 15-Pentadecanolid. Begleitsubstanzen sind Hydroxycumarine und Furocumarine sowie Bitterstoffe.

Medizinische Anwendung

Die Droge wird als Stomachikum bei dyspeptischen Beschwerden, leichten Bauchkrämpfen, Blähungen, Völlegefühl, Appetitlosigkeit, Magersucht in Form des Einzeltees (1,5 g/Tasse, TD 4,5 g), als Bestandteil von Teemischungen und in Form ethanolischer Extrakte in Fertigarzneimitteln verwendet. (Quelle: Teuscher, Lindequist, Melzig Biogene Arzneimittel, WVG Stuttgart, 2020)

Anerkannte medizinische Anwendung

Angelikawurzel wurde vom HPMC bisher nicht bearbeitet.
ESCOP: dyspeptische Beschwerden wie leichte Bauchkrämpfe, verzögerte Verdauung, Blähungen und Völlegefühl; Appetitlosigkeit, Bronchitis; diese Anwendungs­gebiete stützen sich auf Erkenntnisse der langjährigen Anwendung am Menschen.
Kommission E: Appetitlosigkeit; Verdauungsbeschwerden wie leichte Magen-Darm-Krämpfe, Völlegefühl, Blähungen.

Traditionelle Anwendung

Traditionell angewendet zur Unterstützung der Verdauungsfunktion bzw. zur Unter­stützung der Magen-Darm-Funktion und zur Anregung des Appetits (traditionelle An­wendung nach § 109a).

Auszug aus HAUG – Heilpflanzen Blog: „Keine magische Engelkraft, sondern die Hauptwirkstoffe der Engelwurz sollen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen für die Wirkungen der Heilpflanze verantwortlich sein. Zu diesen Wirkstoffen zählen ihr ätherisches Öl und die Cumarine. Zu den Cumarinen zählen zum Beispiel die Stoffe Imperatorin and Isoimperatorin, die unter anderem auf unser zentrales Nervensystem wirken. Dort können sie Tierstudien zufolge u.a. angstlindernd wirken [3]. Auch die Wirkung der Engelwurz gegen Krankheitserreger war Gegenstand von Untersuchungen. Antivirale Wirkung zeigen in Studien vor allem die Cumarine der Pflanze, das ätherische Öl hemmt hingegen das Wachstum von Bakterien [3][4]. Für die antibakteriellen Eigenschaften des ätherischen Öls sind vor allem seine folgenden Bestandteile von Belang: die Phellandrene, Alpha-Pinen oder Limonen [5]. Es handelt sich hierbei um sogenannte Monoterpene. Das sind besonders kleine und leicht flüchtige Moleküle. Das ätherische Öle bringt eine weitere Eigenschaft mit, die bei Erkältungen von Vorteil sein könnte: Es wirkt ersten Untersuchungen aus der Grundlagenforschung zufolge auch entzündungshemmend [6]. Eine Hemmung der Entzündungsreaktion lindert bekanntlich die Beschwerden von Erkältungen. Vielleicht kennst du das von Schmerzmitteln, die häufig bei Erkältung eingesetzt werden. Diese wirken nicht ursächlich gegen die Erkältung, sie zeigen keine Wirkung gegenüber Erkältungsviren. Indem sie jedoch die Entzündungsreaktion Deines Immunsystem dämpfen, können sie Beschwerden mildern, für die entzündliche Prozesse verantwortlich sind. Dazu zählen zum Beispiel Schmerzen, das Anschwellen der Schleimhäute und das Ansteigen der Körpertemperatur.“ (Autor: Sebastian Vigl)

Literatur & Quellen

Johannes Gottfried MayerDie ersten gedruckten Kräuterbücher und das Angelika-Wasser der Donaueschinger Taulerhandschrift. In: Gundolf Keil (Hrsg.): Würzburger Fachprosastudien (Festschrift Michael Holler). Königshausen & Neumann, Würzburg 1995, S. 156–177.

Ein Kommentar

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