GESCHICHTE der Heilpflanzen (4) Von Hildegard von Bingen bis zu Paracelsus und den Alchemisten

Hildegard von Bingen und die Volksheilkunde

Die Rupertsberger Äbtissin Hildegard von Bingen schrieb zwischen 1150 und 1160 ihre medizinischen Werke „Physica„(Arzneilehre) und „Causae et curae“ (Krankheitslehre). Sie finden bis in unsere heutigen Tage in der Naturheilkunde Verwendung!

Bekannt geworden ist sie für ihre visionären Kräfte, die sie in der Behandlung einsetzte. Sie verwendete neben orientalischen Pflanzen wie Bertram und Galgant viele heimische Pflanze und nutzte deutsche Pflanzennamen.

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179 und gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich unter anderem mit ReligionMedizinMusikEthik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Mit ihren beiden natur- und heilkundlichen Werken gilt sie als „Deutschlands erste schriftstellernde Ärztin“.

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber, den Mönch Vollmar, weiter, Frontispiz des Liber Scivias aus dem Rupertsberger Codex (um 1180), Tafel 1
Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber, den Mönch Vollmar, weiter, Frontispiz des Liber Scivias aus dem Rupertsberger Codex (um 1180), Tafel 1 – Quelle wikipedia

Die Leistung Hildegards liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte. Sie entwickelte eigene Ansichten über die Entstehung von Krankheiten, Körperlichkeit und Sexualität. Eigene medizinische Verfahren entwickelte sie nicht, sondern trug lediglich bereits bekannte Behandlungsmethoden aus verschiedenen Quellen zusammen. Hildegards Krankheitstheorie ist der antiken Viersäftelehre sehr ähnlich, nur mit abweichenden Bezeichnungen. Causae et Curae beinhaltet viele sehr direkte Anweisungen, die jeweils nach Symptomen geordnet sind. Sie sind daher auch für medizinische Laien gut zu gebrauchen.

Aus eigenen Beobachtungen beschrieb sie in der „Physica“ 230 Kräuter und deren Wirkung. Auch 63 Bäume sowie Reptilien, Vögel, Fische, Steine und Heilerden hat sie beschrieben.

Alchemisten, Ärzte und Apotheker

Neben den Klöstern waren es vor allem Alchemisten und Ärzte, die sich um die medizinische Versorgung der Menschen kümmerten. Eher Heil „praktisch“ arbeiteten die sogenannten Bader, sie waren zum Beispiel für das Zähne ziehen, das meist auf Märkten oder Jahrmärkten öffentlich veranstaltet wurde, zuständig. Die ersten Apotheker, so wie man sie heute kennt, traten erstmals vor ungefähr 800 Jahren auf. Um 1240 erließ der Stauferkaiser Friedrich II die sogenannte ‚Constitutiones‘, eine Medizinalverordnung, die eine tiefgreifende Reformation des damaligen Gesundheitswesens zur Folge hatte. Hier wurde zwischen den Ärzten, die Behandlungsvorbehalt hatten und Apothekern unterschieden, die die Erlaubnis zur Herstellung und Abgabe von Arzneimitteln hatten. Viele Pflanzen führen ein „officinalis“ in ihren Namen, was darauf hindeutet, dass sie seit Jahrhunderten im „Offizium“, dem Labor des Apothekers verarbeitet wurden.

Heilerinnen und Hexen

Auch aus dem Volk gab es viele heilkundige Menschen, die das Erfahrungswissen weiter trugen. Sie galten als medizinische Laien, die sich jedoch mit Erfolg um die Gesundheit der Bevölkerung kümmerten. Die weisen Frauen waren der Kirche jedoch suspekt, da sie als Hebammen und Kurpfuscherinnen über Leben und Tod entscheiden konnten, sprich über Empfängnis, Verhütung und Abtreibung. Während der Inquisition kam es zu einer gnadenlosen Verfolgung der Kräuterhexen. Als Folge davon ging jahrhundertealtes Wissen aus der Volksheilkunde verloren. Auch der Verlust an direkter intuitiver Wahrnehmung ohne den Umweg über den Verstand. Beispielsweise auch das magische Wissen der Signaturenlehre.

Ein empfehlenswertes Buch "Heilerinnen im Mittelalter", leider nur noch gebraucht zu kaufen.

Buchbeschreibung: „Seit Menschengedenken hüten Frauen die Geheimnisse um das Wohl des Menschen: Sie waren Pflegerinnen, Ratgeberinnen, Hebammen und Heilkundige in einer Person und genossen hohes Ansehen. Sie kannten sich mit Heilkräutern aus, wussten die besten Standort seltener und begehrter Exemplare und waren damit vertraut, wann gepflückt werden musste, damit diese ihre magische Kraft am besten entfalten konnten. Als Hebammen beherrschten sie die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle und wussten um die natürlichen Mittel zur Abtreibung oder Schwangerschaftsverhütung. Weise Frauen hießen sie im Volksmund.

Die „Ärztinnen des Volkes“ waren im Mittelalter die wichtigsten Ansprechpartner, wenn es um Krankheit, Liebeskummer oder ums Kinderkriegen ging. Ihnen vertraute man viel mehr als den männlichen Ärzten, meist Kleriker, denen es untersagt war, sich mit dem Frauenkörper intensiv zu beschäftigen. Der Glaube an die Kraft der Natur und das Vertrauen in die heilende Wirkung der Kräuter – und nicht in den christlichen Gott – wurden vielen Frauen zum Verhängnis. Sie wurden der Ketzerei verdächtigt, und ihre Heilkunst galt, weil sie zu undurchsichtig war, als Hexenwerk. Im Zuge der Hexenverfolgungen gerieten sie, wie viele andere, in Misskredit und waren zum Teil grausamen Verfolgungen ausgesetzt.“
(Das Buch stammt aus meinem Archiv: Leider ist es nur noch gebraucht zu kaufen)

Hexenverfolgungen – eine unbelegte These?

Mit den Hexenverfolgungen hätten Kirche und Obrigkeit das Wissen der Bevölkerung über Geburtenkontrolle und damit die weisen Frauen und ­Hebammen vernichten wollen, um die Bevölkerungszahlen ansteigen zu lassen – so die These der beiden Wissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. Allein durch die Pest von 1348 bis 1352 starben rund 25 Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung Europas. Wo die Pest gewütet hatte, waren ganze Landstriche menschenleer. Doch schon in den Jahren 1315 bis 1318 führten kalte und regnerische Jahre zu Missernten und damit zu Hungersnöten. Außerdem wirkten sich Kriege, wie der furchtbare 30-jährige Krieg von 1618 bis 1648, negativ auf das Bevölkerungswachstum aus. Konkret gesagt: Überall fehlten Arbeitskräfte, vor allem auf dem Lande, das sich zum größten Teil im Besitz des Adels und der Kirche befand. Für die These der beiden Wissenschaftler fehlen konkrete Beweise, eindeutige Dokumente oder Aussagen von historischen Persönlichkeiten. Viele Wissenschaftler widersprechen ihr. Auch der Begriff der »weisen Frau« ist fragwürdig und in der frühneuzeitlichen Literatur nicht zu finden. Vielmehr wird dort von der »Hebamme« und der »ehrbaren Frau« gesprochen. Quelle: PTA Forum – Die Geschichte der weisen Frauen

Renaissance und Humanismus

Mit dem Aufkommen des Renaissance-Humanismus wurde der theologische Einfluss auf die Medizin schwächer, lebte aber zum Beispiel in Form der Pestblätter bis in die Inkunabelzeit und danach weiter. Die therapeutische oder prophylaktische Anwendung von Magie, etwa in Form von Zaubersprüchen, und Gebeten oder Segen, war bis in die Renaissance (in Volksmedizin) verbreitet. Das Wissen über die Pflanzenheilkunde wurde im ersten gedruckten Kräuterbuch in deutscher Sprache, dem Gart der Gesundheit (1485) weitergegeben. Die Väter der Botanik korrigierten und erweiterten dieses Wissen ab dem 16. Jahrhundert. Zu den ersten deutschsprachigen Medizinwerken gehören unter anderem[71] das Arzenîbuoch Ipocratis (um 1200), das Innsbrucker (Prüller) Kräuterbuch (12. Jahrhundert), eine Übersetzung der Capsula eburnea vom Anfang des 14. Jahrhunderts, das Arzneibuch des Ortolf von Baierland und für den mittelniederdeutschen Bereich die Düdesche Arstedie (enthalten im Gothaer Arzneibuch[72]) aus dem 14. Jahrhundert.[73] Mit der langsamen Abkehr von der dogmatischen Humoralpathologie entwickelte sich nach und nach die moderne Medizin. Galens Auffassungen vom Fluss des Blutes wurden jedoch erst im 17. Jahrhundert durch William Harvey und Marcello Malpighi und teils gegen erhebliche Widerstände revidiert. Das öffentliche Verbrennen der Bücher von Galen und Avicenna durch Paracelsus hatte unmittelbar keine Auswirkungen. Komplett abgelöst wurde die Humoralpathologie schließlich im 19. Jahrhundert durch die Zellularpathologie. (Quelle: wikipedia)

Die Lehre von der Signatur und die spätere Spagyrik

Paracelsus führte zur Signatur an:
„Die Natur zeichnet jedes Gewächs, das von ihr ausgeht zu dem, dazu es gut ist. Darum, wenn man erfahren will, was die Natur gezeichnet hat, so muss man es an dem Zeichen erkennen, was Tugenden in ihm sind. „

In Europa geht die Signaturenlehre auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten Giambattista della Porta (1538–1615) zurück. Dieser hat in seinem Buch Phytognomonica (eine „Physiognomik der Pflanzen“) anhand von Signaturen ein System von Zusammenhängen zwischen Pflanzen, Tieren und Gestirnen aufzeigt.

Er beschrieb die Pflanzen und ordnete ihnen aufgrund ihrer “Signi” imaginäre Ursprünge und einen medizinischen Wert zu.
„Er stellte eine Verbindung her zwischen Farben und Formen von Blüten, Blättern, Rinden, Wurzeln und Früchten und ihren Ähnlichkeiten mit Organen und Körpersäften. Auch Bodenbeschaffenheit, Geruch, Geschmack, Wachstumsphase, Lebensdauer oder schlicht die Gestalt der Pflanze beachtete er. Hierbei hatte er stets das Universum im Blick – und die Entsprechungen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde, zwischen den Planeten und den Menschen. (Quelle: Spagyrische Baumessenzen, Martina Schneider, Natur & Heilen 8/2023)

Man dachte damals also, dass die Erscheinung einer Pflanze, ihre Farbe, ihr Geruch und ihr Standort anzeigen müssten, welche Krankheit mit ihrer Hilfe zu heilen sei. Hier einige Beispiele: Kräuter gegen Gelbsucht haben gelbe Blüten wie die Ringelblume, der Löwenzahn und das Leinkraut. Schöllkraut enthält in den Stängeln einen rotbraunen ätzenden Saft, was auf die Farbe der Galle hindeutet. Daher kam es bei Beschwerden der Galle, wie z.B. Koliken in Frage. In der Tat ist eine krampflösende Wirkung auf die Gallenwege wissenschaftlich erwiesen. [mehr dazu….]

Die Theorie ließ sich nicht (ganz) aufrechterhalten, weil sie so viele Ausnahmen zuließ. Die kurze Herrschaft der Signaturenlehre dauerte 100 Jahre. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 17. und 18. Jahrhundert, bevor sie durch die Systematik Carl von Linnés und die Erkenntnisse der modernen Chemie abgesetzt wurde.

Doch später im 19. Jahrhundert wurde die Lehre von der Signatur zum einen von Hahnemann in der Homöopathie im Sinne von „Ähnliches mit ähnlichem heilen“ und in der Spagyrik nach Carl Friedrich Zimpel (1801 bis 1879) wieder aufgegriffen. Zimpels spagyrisches Heilsystem fußte auf den Thesen Paracelsus‘. Auch heute findet sie in der Komplementär Medizin noch Anwendung. Der Begriff ‚Spagyrik‘ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Trennen und Zusammensetzen. Pflanzen, die zu spagyrischen Produkten verarbeitet werden, werden vergärt, destilliert, verascht und extrahiert und dann als Essenzen angesetzt. Ein äußerst zeitaufwändiger Prozess.

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Fortsetzung folgt in Teil 4 (noch in Arbeit…)

Lese auch Teil 1 – Geschichte der Heilpflanzen (1) – Von der Steinzeit bis zur Antike

und Teil 2 Geschichte der Heilpflanzen (2) – Avicenna, Mittelalter und Klostermedizin