GESCHICHTE der Heilpflanzen (3) Von den Arabern bis zur Klostermedizin

Das Antike Wissen ging beinahe verloren

Die Schriften Hippokrates, Dioskurides und Galens waren mehr oder weniger unverändert durch die Jahrhunderte beibehalten und weitergereicht worden. Sie waren die Grundlagen des gesamten damaligen medizinischen Wissens des Abendlandes.

Doch es stand vor dem Untergang. Das weströmische Reich wurde von unterschiedlichen Germanenstämmen eingenommen, denen die antike Geisteswelt fremd war. Und schließlich wurde auch noch im Zuge der Christianisierung der oströmischen Kaiser 529 n.Chr. durch Justinian I. das gesamte antike Wissen für heidnisch erklärt! Eine Katastrophe, denn alle Bibliotheken – wie die berühmteste und umfangreichste in Alexandria – gingen in Flammen auf und die Philosophieschulen geschlossen.

Philosophen, Wissenschaftler und Ärzte gingen ins Exil und fanden mit ihren geretteten Resten der antiken Literatur in Syrien und Persien eine neue Wirkstätte. So konnten sie in der islamischen Welt das Erbe des klassischen europäischen Geistes weiter pflegen. Um 800 n.Chr. verfasste Mesuë der Ältere (✝ 857) ein Traktat über einfache und zusammengesetzte Arzneien, das bis ins 17. Jahrhundert die Medizin und Pharmazie beeinflusst hat. Er gehört damit zu den Vertretern der ersten Periode der arabischen Medizin.

‚Ex oriente Lux‘ – Von Avicenna bis zu den Mauren

Sowohl der Perser Rhazes (865-925), der unter anderem das riesige Werk Galens strukturierte und übersetzte, als auch der berühmte islamische Arzt Avicenna (Ibn Sīnā 980-1037) erweiterten das medizinische Wissen des europäischen Altertums. Avicenna zählt zu den berühmtesten Persönlichkeiten seiner Zeit er tauschte sich philosophisch mit dem berühmten Gelehrten al-Bīrūnī aus und galt bis weit ins 16. Jahrhundert als medizinisch-philosophische Autorität. Er hat insbesondere die Geschichte und Entwicklung der Medizin maßgeblich mitgeprägt. SeinCanon medicinaeblieb bis ins 17. Jahrhundert eins der wichtigsten Lehrbücher.

Avicenna (Ibn Sina) Orientalisches Bild aus dem Mittelalter von Autor/-in unbekannt - http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Avicenna-Miniatur.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4925110
Von Autor/-in unbekannt – http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Avicenna-Miniatur.jpg, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4925110

Während der Zeitspanne von 500 bis 1000 n.Chr. wurde so die islamische Medizin von der Antiken Geisteswelt inspiriert und kehrte von dort wieder zurück nach Europa. Den Anfang machte Constantinus Africanus (ca. 1020-1087), ein nordafrikanischer medizinischer Forscher aus Karthago. Er war Fachautor, Übersetzer und Laienbruder des Benediktinerordens. Ihm fiel bei einem Besuch des Klosters Salerno mangelnde medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten der dort wirkenden Mönchsärzte auf. Daraufhin sammelte er in seiner arabischen Heimat alle ihm erreichbare medizinische Literatur, kehrte mit dieser nach Salerno zurück und gründete um 1058 die berühmte Ärzteschule von Salerno. Ihre Blütezeit hatte die Medizinschule von Salerno und damit die Salernische Heilkunde etwa von 1100 bis 1180. Im 13. Jahrhundert war sie als einzige Medizinschule im Königreich durch Friedrich II. offiziell anerkannt. Aus der Schule von Salerno ging die von etwa 1150 bis 1300 bestehende scholastische Medizin hervor.

Weitere Beispiele für das ‚ex oirente lux‘ (lat.: „Aus dem Osten kommt das Licht“) sind die Gründungen der ersten europäischen Universitäten in Portugal und Spanien durch die Mauren im 12. Jahrhundert.

Klöster die Hüter des medizinischen Wissens

In Mitteleuropa erwiesen sich die Klöster als die Hüter von Kunst und Wissenschaft. Nahezu 500 Jahre lang war das Studium, die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben, nur in Klöstern erlernbar. Bald entstanden in den Klosterschulen und Bibliotheken von unschätzbarem Wert. Durch das benediktinische Gebot der Arbeit ‚ora et labora‚ mehrten die Klöster ihr Wissen und setzen es gleichzeitig für ihren Erhalt ein.

Die Klöster wurden mächtig und reich. Auch durch die sie umgebende Landwirtschaft. Die Bauern lieferten einen Teil ihrer Ernte bei den Klöstern ab. Mönche rodeten Wälder, machten die Flächen urbar und erfanden neue Methoden des Ackerbaus. Zudem legten sie in ihren Mauern spezielle Gärten für Gewürze und Heilkräuter an – Klostergärten der Grundstock für die Klostermedizin.

Mönche und Nonnen schufen so die Grundlagen der modernen Medizin. Sie verbanden die Lehre von Heilkräutern, Arzneipflanzen, der Ernährung und des christlichen Glaubens zu einer ganzheitlichen Medizin. In den Klostergärten wurden nicht nur Kräuter für den Eigenbedarf angebaut, sondern auch zur Behandlung von Kranken aus der Umgebung. Viele Klöster betrieben auch schon spezielle Hospitäler und Siechenheime.

Benedikt von Nursia und Karl der Große

Die Ursprünge der Klostermedizin beginnen in den frühesten Zeiten der Klostergeschichte. Das Mönchstum erlangte durch Benedikt von Nursia und seine Klostergründung von Monte Cassino um etwa 529 weltgeschichtliche Bedeutung. Der Gründervater des Benediktinerordens verpflichtete die bisher wandernden Mönche zur Beständigkeit (stabilitas). Seine Ordensregel („Regula Benedicti„) durchdrang alle Bereiche des klösterlichen Lebens und wurde Vorbild für die abendländischen Klöster.

Von den Kräuterkenntnissen auf dem Monte Cassino gegründeten Benediktinerordens lernten viele andere Orden sowie kein geringerer als Karl der Große (748 – 814 n. Chr.).

Seine Landgüterverordnung, die „Capitulare de villis“ ist eine detaillierte Vorschrift über die Verwaltung der Krongüter. Der Zeitraum der Entstehung ist umstritten, die Datierung reicht von 770–813. Das Capitulare de villis schreibt die Dreifelderwirtschaft, den Weinbau, die Obstpflege, die Zucht von Hausvieh und Herdenvieh, Pferden, Rindern, Schafen, Schweinen, Ziegen, Bienen, Fischen bis ins einzelne als Bestandteile vorbildlicher Musterwirtschaften vor. Auch sorgte Karl der Große für einen verstärkten Anbau von Würzkräutern und Heilpflanzen als er eben diese Pflanzen in die Verordnung aufnahm. Im 70. Kapitel sind 73 Nutzpflanzen (einschließlich (Heil)kräutern) und 16 verschiedene Obstbäume genannt. Diese sollen die Verwalter in allen kaiserlichen Gütern anpflanzen, wenn es die klimatischen Gegebenheiten zu ließen.

Die Verordnung greift auch auf noch vorhandenes Wissen über die römische Landwirtschaft zurück. Der Erlass über die Krongüter sollte die Versorgung Karls des Großen und seines großen Hofes sichern, der sich laufend auf Reisen befand. Es galt, die königlichen Pfalzen mit entsprechenden Vorräten auszustatten.

Bild einer mittelalterlichen Klosteranlage mit Klostergarten. Historisches Bild von Autor/-in unbekannt - http://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/publikationen_und_service/nachrichtenblaetter/2004-03.pdf#page=32, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41939983
Von Autor/-in unbekannt – http://www.denkmalpflege-bw.de/fileadmin/media/publikationen_und_service/nachrichtenblaetter/2004-03.pdf#page=32, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=41939983

Der ideale Klostergarten und die Klostermedizin

Walafried Strabo, ab 838 Abt des Klosters Reichenau, nennt in seinem Lehrgedicht über den Gartenbau (‚Hortulus‚ von 1510 ) 23 Gartenpflanzen der Reichenauer Beetanlage und bringt sie mit der christlichen Heilslehre in Verbindung. Das 724 von Pirminius gegründete Kloster war eines der bedeutendsten Klöster der karolingischen Zeit.

Die Mönche vertieften in klostereigenen Gärten ihre Studien in Medizin und Kräuterheilkunde und gaben ihr Wissen innerhalb des Klosters weiter. In der Stiftsbibliothek St. Gallen sind fünf zusammengenähte, handbeschriebene Pergamentstücke aufbewahrt. Auf ihnen ist der Plan einer idealen Klosteranlage verzeichnet ist, der Sankt Gallener Klosterplan. Die Aufzeichnung diente fortan vielen Klöstern als Modell für die Anlage der Kräutergärten. In den länglichen rechteckig angelegten Beeten haben die Mönche jeweils nur eine Pflanze kultiviert. Damit konnte die Reinheit des Krauts gewährleistet und Verwechslungsgefahr vermieden werden.

Lorscher Arzneibuch und Macer floridus – erste handgeschriebene Werke der Mönche

Ihr Wissen über die Heilpflanzen schrieben die Mönche nieder. Umfangreiche klostermedizinische Werke entstanden. Zur Zeit Karl des Großen, im 8.Jahrhundert wurde im Kloster Lorsch das medizinische Wissen im „Lorscher Arzneibuch“ niedergeschrieben.

Das Lorscher Arzneibuch ist eine umfangreiche, in Lorsch verfasste medizinische Handschrift aus der Zeit Karls des Großen, entstanden wahrscheinlich um 785. Es ist das älteste erhaltene Buch zur Klostermedizin aus dem abendländischenFrühmittelalter bzw. das älteste erhaltene medizinische Buch Deutschlands.[1] Geschrieben wurde das 482 Rezepturen enthaltende Arzneibuch unter benediktinischerÄgide in lateinischer Sprache im Kloster Lorsch (heute Kreis BergstraßeHessen), wohl unter Richbod, dem Abt der Reichsabtei.[2] Seit ca. 1000 Jahren befindet es sich in Bamberg und wird heute in der Staatsbibliothek Bamberg (Signatur des Bamberger Kodex: Msc.Med.1; alte Signatur: L.III.8) verwahrt. Am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg wurde von Ulrich Stoll und Gundolf Keil die Handschrift in einem dreijährigen Projekt bis 1989 faksimiliert, ediert und ins Deutsche übersetzt. Seit Juni 2013 gehört das Lorscher Arzneibuch zum UNESCOWeltdokumentenerbe.[3][4] Das Lorscher Arzneibuch ist als planmäßig angelegtes heilkundliches Kompendium das älteste deutsche Arzneibuch.[5] (Quelle: wikipedia – Lorscher Arzneibuch)

Später im 11. Jahrhundert verfasste der Mönch Odo de Meung den „Macer floridus„, ein Standardwerk der Kräuterheilkunde. Es fand überall in Europa Verbreitung.

Macer floridus, auch De viribus herbarum, ist ein von Odo Magdunensis (= Odo von Meung)[1] verfasstes, früher Aemilius Macer namensgebend zugeschriebenes, Lehrgedicht über die gebräuchlichsten Heilkräuter in der Form der lateinischen Hexameter. Es entstand um 1065[2][3] in Westfrankreich, wurde in viele Sprachen übersetzt und galt im Mittelalter im mitteleuropäischen Raum als Standardwerk der Kräuterheilkunde. (Quelle: wikipedia)

Vom Klostergarten zum Bauerngarten

Die Klostermedizin befand sich vom 10. bis zum 13. Jahrhundert auf ihrem Höhepunkt. Jahrhundertelang hüteten und vertieften Mönche das medizinische Wissen und die Geheimnisse der Heilpflanzen in ihren Bibliotheken. Erst die Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert ebnete den Weg für die weitere Verbreitung ihrer Kenntnisse. Fortanlegten Adel und Ritter nach dem Beispiel der Klostergärten ihre Burggärten an.

Auf dem Lande entstanden Bauerngärten, in den Städten verbreiteten sich die Pfarr- und Apothekergärten. Das Wissen der Mönche über Arzneipflanzen und deren Wirkungen ebnete den Weg von der medizinischen Grundversorgung zur Entwicklung der heutigen Schulmedizin.

Bild eines Klostergartens. Oberrheinischer Meister: Das Paradiesgärtlein, um 1420
Link zu wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Klostergarten
Bild eines Klostergartens. Oberrheinischer Meister: Das Paradiesgärtlein, um 1420 Link zu wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Klostergarten

Forschergruppe Klostermedizin

In Deutschland hat sich eine kleine Schar von Wissenschaftlern zum Ziel gesetzt, die Schätze der klösterlichen Heilkunde zu heben. Ihren Sitz hat die Forschergruppe „Klostermedizin am Institut für Geschichte der Medizin in Würzburg. An dem Projekt arbeiten Mediziner, Botaniker, Chemiker, Pharmazeuten und Historiker. Zum ersten Mal wurden die alten Erkenntnisse der Mönche und Heilkundler systematisch erfasst und wissenschaftlich aufbereitet.

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Lies auch: Geschichte der Heilpflanzen (1) – Von der Steinzeit bis zur Antike

Und: Geschichte der Heilpflanzen (4) – Hildegard von Bingen, die Alchimisten und die Signaturenlehre Paracelsus‘