GELBER ENZIAN – Bittere Medizin

Gentiana lutea
Familie der Enziangewächse (Gentianaceae)
Gentianae radix (Enzianwurzel)

Hatte man früher Bauchgrummeln, vor allem nach einem fettigen Essen, so gabs einen Schnaps. Und in den Bergregionen wars ein „Enzian“, der soll die Magensäfte anregen, hieß es. Und so war das auch. Das merkte man schon am Speichelfluss. Verdauungsfördernd und Appetitanregend.

Ein „Enzian“ enthielt die Wurzel des Gelben Enzian. Nicht des blauen, der oft auf dem Etikett abgebildet ist, nein, der Gelbe Enzian (Gentiana lutea) und der ist selten. Meine Aufnahme stammt von einer Bergwiese in über 1500 Meter Höhe in der Zentralschweiz.

Achtung Verwechslungsgefahr: Nicht blühend ist der Gelbe Enzian leicht mit dem sehr stark giftigen Weißen Germer zu verwechseln, dessen ebenfalls bogennervige und graugrüne Blätter aber nicht kreuzgegenständig, sondern (dreizeilig) wechselständig beziehungsweise schraubig angeordnet sind.

Der Enzian in der Volksheilkunde

Volksheilkundlich setzte man die Pflanze häufig bei Magenbeschwerden, aber auch bei hohem Fieber ein. „Bittere Medizin“.  Was in der Erfahrungsheilkunde schon lange bekannt war, geriet nun auch in den Blick der Wissenschaften. Seit 1990 ist die Wurzel des Gelben Enzian (Gentianae radix) ein offiziell anerkanntes Heilmittel, nach Beschluss der Kommission E. Er gehört zu den sogenannten Bitterstoffdrogen*, den Tonica amara. (In Apothekersprache werden als „Drogen“ getrocknete Heilkräuter bezeichnet). Und bitter ist er, der Enzian!! Sogar sehr bitter. Mit einem Bitterwert von 10.000 bis 20.000 folgt er nach dem Bitterholz auf Platz zwei der Rangliste der Bitterkräuter, noch vor dem Wermutkraut. Danach folgen u.a. Artischockenblätter, Tausendgüldenkraut, Pomeranzenschalen und Chinarinde.

Bitterstoffe sind „Treibstoff für den Verdauungsapparat, natürliche Fat-Burner, kognitive Förderer und Immunostimmulatoren“. (Pflanzenheilkunde, Impulse e.V.).

Bitterstoffe regen die Verdauungssäfte an

In der Apothekersprache werden Bitterstoffe oder Bitterkräuter auch Tonica amara (lat. amarus = bitter) genannt. Sie bestehen aus verschiedenen chemischen Verbindungen, die bei oraler Einnahme die Ausschüttung von Verdauungsäften, wie Speichel, Magensaft, Galle und Sekreten aus der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) fördern. Eingesetzt werden sie bei Verdauungsproblemen aller Art und auch bei Appetitlosigkeit.
„Bitter“ wird von der Zunge als eine der fünf Geschmacksrichtungen gespürt und viele lehnen diesen Stoff (leider) ab. Mit der Folge, dass die Bitterstoffe in den Gemüsesorten immer mehr weggezüchtet werden. Da wir dadurch mittlerweile zu wenige Bitterstoffe mit der Nahrung aufnehmen, haben die sogenannten ‚Dyspepsien‘, sprich Verdauungsstörungen, rasant zugenommen. Dabei regen die Bitterstoffe den kompletten Verdauungsmechanismus an – und zwar schon auf der Zunge. Kaum ziehen sich die Geschmacksknospen dort zusammen, wird ein unwillkürlicher Reflex über den Nervus vagus ausgelöst. Das beginnt mit dem Speichelfluss, geht über vermehrte Magensäureproduktion bis hin zur Anregung der Verdauungsdrüsen in der Leber und dem Pankreas. Vor allem wirken sie auch auf die Gallenblase, das gallensaftfreisetzende Ausscheidungsorgan. „Pantha rhei“ – alles fließt. Stauungen werden aufgelöst, mit der Folge einer besseren Verdauung der Nahrung.

Bitterstoffe wirken stärkend

Im Vornamen „Tonica“ amara der Bitterstoffe, steckt das Wort „Tonicum“ als Stärkungsmittel. Die Bitterstoffe wirken tonisierend, das bedeutet, dass die Durchblutung der Gefäße angeregt wird und damit auch die Herztätigkeit. In der Schweiz habe ich eine alte Bauerntradition kennengelernt, bei der morgens (!) ein Glas Kräuterschnaps getrunken wurde, vor der Arbeit. Und mittags auch, nach dem Essen.
Die Sekretion der gesamen Ausscheidungsorgane und der Schweißdrüsen wird durch die Bitterstoffe stimuliert. Durch die Magen- und Darmsäfte wird auch die Leber entlastet. Die Nahrung wird besser zerlegt, ist dadurch weniger toxisch. Insgesamt wird der ganze Entgiftungsprozess des Körperstoffwechsels in Gang gebracht. Gelber Enzian als Detox Mittel der allerfeinsten Art.

Bitterstoffe wirken antibakteriell

Dazu haben Bitterstoffe auch noch eine bakterizide und antiparasitäre Wirkung. Auf der Zunge und in den Schleimhäuten der Atemwege gibt es einen Bitterrezeptor mit dem Namen T2R38 und im Zusammenhang mit einem Biofilm steht, den diese Schleimhäute erzeugen. Er hat er eine Wächterfunktion für die Atemwege und damit für die Immunabwehr.

Bitter macht lustig

Von den Bitterstoffen wird der gesamte Kreislauf angeregt, die Blutbildung erhöht und die Lebenslust gesteigert.

Eine seltene und geschützte Pflanze der Gebirge

Der Gelbe Enzian wächst gern auf Bergwiesen, in den gebirgigen Zonen Mittel- und Südeuropas. Von den Pyrenäen bis zum Balkan. Von den südlichen Alpen bis nach Unterfranken. In deutschen Mittelgebirgen kommt er beispielsweise im Schwarzwald auf dem Feldberg und dem Hohen Randen vor, besonders häufig auf der Schwäbischen Alb. Das liegt daran, dass er kalkliebend ist, aber auch auf kristallinem Gestein wächst wie Granit oder Gneis. In den Alpen erreicht er vereinzelt Höhenlagen von 2500 Metern.

Der Gelbe Enzian ist in den Alpen und anderen Gebirgen Mittel- und Südeuropas verbreitet. Es gibt Fundortangaben für PortugalSpanienFrankreichDeutschlandÖsterreich, die SchweizItalienSlowenienSerbienKroatienBulgarien, Rumänien, AlbanienGriechenland, die westliche Türkei, die Republik Moldau und die Ukraine.[10][2] In deutschen Mittelgebirgen kommt er beispielsweise im Schwarzwald auf dem Feldberg und dem Hohen Randen vor, besonders häufig auf der Schwäbischen Alb. Der Gelbe Enzian galt als kalkliebend, wächst aber auch auf kristallinem Gestein (Schwarzwald) und gedeiht in Mitteleuropa auf Weiden-, Block- und Karflure von der Tallage bis in Höhenlagen von 2500 Metern, die wenigstens zeitweise feucht und locker sind. Er kommt in Mitteleuropa in größeren Höhenlagen vor in Gesellschaften des Verbandes Nardion, des Calamagrostion-arundinaceae-Verbands, auch im Verband Erico-Pinion und in der Ordnung der Seslerietalia albicantis.[5] In niedrigen Höhenlagen findet man ihn in Gesellschaften des Mesobromion- und des Verbandes Geranion sanguinei.[5] In den Allgäuer Alpen steigt er im Tiroler Teil zwischen Jöchelspitze und Mutte in Höhenlagen von bis zu 2100 Metern auf.[11] In den Alpen erreicht er vereinzelt Höhenlagen von 2500 Metern.[4]

Gentiana lutea ist in Deutschland geschützt durch die Bundesartenschutzverordnung, Allerdings kann er sich aufgrund seiner reichlichen Produktion leicht verwehbarer Samen auf Weideflächen auch zur Plage entwickeln, denn das Nutzvieh meidet ihn. Und das ist genau der Trick beim Enzian. Die Bitterstoffe wurden von ihm nämlich nicht dazu ausgebildet, uns zu gefallen, sondern Fressfeinde abzuwehren. Auch wir Menschen essen ihn nicht roh, sondern bevorzugt Flüssig als Extrakt oder Tinktur. Oder eben als Schnaps.

 

Bild: (c) Ute Mangold, wiesengenuss.
Gelber Enzian in der Zentralschweiz am Glacier 3000. 

INHALTS- und WIRKSTOFFE

Enzianwurzel enthält die Bitterstoffe Amarogentin und Gentiopicrosid. Enzianwurzeln werden seit Jahrhunderten arzneilich als Bittermittel bei Verdauungserkrankungen angewandt. Der bittere Geschmack beruht auf den Secoiridoidglycosiden Gentiopicrin und Amarogentin . Letztere ist eine der bittersten natürlichen Substanzen und wird daher in der Wissenschaft als Messstandard für bitteren Geschmack genutzt. Beim Menschen stimuliert Amarogentin vier Geschmacksrezeptoren. (Quelle: wikipedia)

Der getrocknete Wurzelstock und die Wurzeln von Enzian enthalten zwei bis drei Prozent Bitterstoffe, darunter Gentiopikrosid und das äußerst bittere Amarogentin. Weitere Inhaltsstoffe sind vor allem bitter schmeckende Zweifachzucker sowie geringe Mengen ätherisches Öl. 

Seit Jahrhunderten wird Enzian zur Herstellung von Schnäpsen verwendet. Beim Destillieren gehen die wirksamen Bitterstoffe jedoch nicht in das Destillat über, Enzian verleiht dem Getränk lediglich das charakteristische Aroma. Der gesundheitliche Nutzen der Heilpflanze ist deshalb beim Enzianschnaps nicht mehr vorhanden.

Im Gegensatz zu Destillaten enthalten alkoholisch-wässrige Auszüge die arzneilich wirksamen Bitterstoffe. Sie werden im Handel als "Magenbitter" oder "Kräuterbitter" vertrieben, die dann oft auch Auszüge anderer Bitterstoffpflanzen enthält, die ebenfalls die Magen- und Gallensaft-Sekretion anregen - wie 'Isländisch Moss', Wermut, Hopfen oder Anis. (Quelle: netdoktor.de)

Wirkungen

Die wesentlichen Wirksubstanzen sind die in der Droge enthaltenen Bitterstoffe. Diese führen über eine Reizung der Geschmackrezeptoren reflektorisch zu einer Anregung der Speichel- und Magensaftsekretion. Enzianwurzel gilt deshalb nicht als Amarum, sondern konsekutiv auch als Roborans und Tonikum. (Quelle: Impulse e.V.). In den beiden Fachbegriffen stecken schon ihre Wirkungen: Ein Tonikum ist ein Stärkungsmittel. Roboranzien wirken sogar noch stärker (Herleitung von Robust).

Pharmakologie

Die bitteren Substanzen regen die Geschmacksknospen an und führen reflektorisch über den Nervus vagus zum Speichel-, Magensaft- und Gallenfluss. Außerdem zeigen Enzianextrakte antimikrobielle und immunmodulierende Eigenschaften. Als Immunmodulation wird die Veränderung des körpereigenen Abwehrsystems durch pharmakologisch wirksame Stoffe bezeichnet. Dieses Verfahren wird auch eingesetzt, um ein überreagierndes Immunsystem zu dämpfen.

Anwendungsgebiete

Verdauungsbeschwerden wie Appetitlosigkeit, Völlegefühl, Blähungen.Nebenwirkungen. Bei besonders disponierten Personen ist gelegentlich ein Auftreten von Kopfschmerzen möglich. Wechselwirkungen mit anderen Mitteln. Keine bekannt. Gegenanzeigen: Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre.Arzneidroge

In der Apothekersprache wird Enzian als Arzneimittel als Gentianae radix (Enzianwurzel) bezeichnet. 

Quellen & Lesenswertes

#GESCHICHTE der HEILPFLANZEN (1) – Von der STEINZEIT bis zu den KELTEN

Kräuter und Heilpflanzen schon im Tierreich

„Die Pflanzenheilkunde ist so alt wie die Menschheit selbst.“

Pharmakognostiker Alexander Tschirch 1856 – 1939

Kräuter werden seit Menschengedenken genutzt. Als Heilpflanzen und als Würzkräuter. Sie geben den Speisen Würze und ganz nebenbei sind sie auch noch gesund für uns. Gerade die Stoffe, die man sieht, riecht und schmeckt, also für Aroma und Duft sorgen, sind diejenigen, die zu unserer Gesundheit beitragen. Doch nicht nur zu unserer – auch Tiere wissen instinktiv welche Kräuter für sie gut sind und welche nicht. So kurieren sich kranke Schimpansen gezielt mit bestimmten Pflanzen und auch bei Gorillas und Orang Utans wurde beobachtet, dass eine Pflanze, die sonst zum Fressen links liegen gelassen wird, von kranken Tieren gefressen wird (Spektrum: Heilkundige im Tierreich).

Pflanzen helfen Pflanzen und sich selbst

Und auch Pflanzen profitieren von der Heilkraft anderer. Man denke nur an die stärkenden Pflanzenjauchen mit Rainfarn, Brennnessel oder Schachtelhalm. Und dann gibt es auch Kräuter und Heilpflanzen, von deren schädlingsabwehrenden Nachbarschaft andere Pflanzen ihren Nutzen haben (Stichwort: Ätherische Öle) oder selbst abgewehrt werden (Stichwort Allelopathie).

Vor 60.000 Jahren

Pollenfunde von Heilpflanzen aus der Steinzeit

Natur- und Kulturvölker sammelten seit der Steinzeit (und wahrscheinlich schon früher) die in der Umgebung wachsenden Arten. Auf allen Kontinenten ist dies nachgewiesen. Vermutlich war zunächst die Ernährung das Ziel, doch entdeckten die Menschen auch die Würz- und Heilkraft der Pflanzen und fingen an, sie rund um ihre Wohnhöhlen, später Dörfer und Siedlungen anzubauen. Dies zeigten Pollenfunde aus steinzeitlichen Höhlen und auch an den berühmten jungsteinzeitlichen Pfahlbauten am Bodensee. Nachgewiesen sind Anpflanzungen von Kräutern wie KamilleBaldrianHolunderWegerichSchafgarbe, Lein, Hanf und Mohn. Auch Kümmel und der Urahn unserer heutigen Petersilie wurden nachgewiesen. Alles Pflanzen, die heute noch fast jeder kennt. Noch älter sind die mindestens 60.000 Jahre alten Funde von Heilpflanzen Überresten an Gräbern im Zweistromland Mesopotamien und in Ägypten. Darunter die Samen von Schafgarbe und Eibisch.

Auf die Idee, bestimmte Kräuter und Heilpflanzen für die eigene Gesundheit einzusetzen, kamen Menschen vermutlich auch durch die Beobachtung von Tieren, die bei Beschwerden instinktiv spezielle Pflanzen fraßen. Bestes Beispiel sind Schafe und Schafgarbe. Hirten beobachteten, dass ihre Tiere bei Magenentzündungen vermehrt dieses, doch eigentlich so bittere, Kräutlein fraßen.

Von den Jägern und Sammlern zu den ersten Ackerbauern

In den früheren Kulturepochen, der Steinzeit vor 45.000 Jahren bis hin zum Ende der Eiszeit und der beginnenden Wiederbewaldung ab ca. 9600 v. Chr. (dem Holozän oder der Mittelsteinzeit) lebte der Mensch als Jäger und Sammler. Er ernährte sich von dem, was ihm die Natur bot. Diese über Jahrtausende hin gelebte Ernährungsweise hatte keine negativen Auswirkungen auf die natürliche Vegetation – der Mensch war selbst ein Teil der Natur.

Doch schon vor rund 11 000 Jahren, während Homo sapiens in Mitteleuropa noch als Jäger und Sammler durch Mitteleuropa streift – setzt Tausende Kilometer entfernt schon eine folgenschwere Entwicklung ein: Die Menschen lassen sich dauerhaft nieder. In einer Region, die sich vom Jordantal über den Südosten der Türkei bis in den Westen Irans erstreckt – dem Fruchtbaren Halbmond – experimentieren sie vermutlich schon an mehreren Orten und unabhängig voneinander mit den dort damals reichlich vorhandenen Wildgräsern, den Vorläufern von Emmer und Einkorn. So die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. Im Laufe der Zeit wählten sie Pflanzen aus, deren Körner immer größer und leichter zu ernten sind. Diese werden von ihnen wieder ausgesät. So steigert sich langsam der Ertrag und sichert ihre Ernährung. Parallel dazu werden auch Ziegen, Schafe und später Rinder domestiziert. Ein langer mühsamer Prozess.

In Jahreszahlen nimmt man an, dass seit der Zeit von 6000 bis 5000 v. Chr. der Mensch mit dem gezielten Wildgetreideanbau in der Nähe der Siedlungsplätze begann. Im fruchtbaren Halbmond wohl schon früher. Da die Bevölkerung zunahm und möglicherweise auch aufgrund von Schlechtwetterperioden breitete sich der Mensch innerhalb von etwa 3 Jahrtausenden nach Westen aus und erreichte Südosteuropa etwa um 6000 v. Chr. wie Relikte von Siedlungen, Werkzeugen und Pflanzen im Gebiet des heutigen Bulgarien und Ungarn belegen. Entlang der Donau verbreitete sich der Ackerbau bis nach Mitteleuropa. Und auf einer Route an der Mittelmeerküste bis Frankreich und Spanien. Die Zeit des Ackerbaus, die etwa 5.500 bis 4.500 v. Chr. Begann, nennt man Jungsteinzeit.

Vor 5000 Jahren

Keilschrift Portraits von Kräutern und Heilpflanzen

Vor etwa 5000 Jahren lieferten uns Sumerische Tontafeln aus Mesopotamien erste schriftliche Nachweise über medizinische Rezepturen. In der altbabylonischen Kultur finden sich erste Portraits von Kräutern und Heilpflanzen. Und in Keilschrift berichteten sie auch schon über Importe von Kräutern.

Im 3. Jahrtausend vor Christus entstand in Ägypten eine der ältesten schriftlichen Sammlung über die Heilwirkung von Kräutern und etwa 1500 vor Christus der Papyrus Ebers‘. Eine über 18 m lange Papyrusrolle mit Kräuterrezepturen aus der ägyptischen Heilkunde. Weit über 80 Pflanzen, ihre Anwendung und Dosierung sowie über 700 Heilmittelrezepturen sind darin beschrieben. Sowie Zaubersprüche und Beschwörungen. Pflanzen wie Anis, Cassia, Bockshornklee, Fenchel, Kalmus, Kardamom, Koriander, Knoblauch, Kümmel, Minze, Mohn, Safran, Senf, Sesam, Thymian und Wermut werden erwähnt, die wir heute noch als Gewürze verwenden.

Auch später im assyrischen Reich (1900 bis 400 v.Chr.) waren auf 600 Tontäfelchen etwa 1000 Heilpflanzen erfasst. Und auch in der Bibel gibt es vereinzelt Erwähnungen von heilkräftigen Pflanzen wie Weihrauch, Myrrhe und Ysop.

Jungsteinzeit, ca. 4500 bis 1800 v. Chr. – die ersten Ackerbauern in Mitteleuropa

Die Anfänge des Ackerbaus in Mitteleuropa bewirkten einen entscheidenden Wandel in der Lebens- und Wirtschaftsweise des Menschen: Der Mensch wurde sesshaft und griff nun aktiv in die ihn umgebende Natur ein, indem er begann Wildpflanzen zu züchten. Die ersten Kulturpflanzen wie das Getreide entstanden. In dieser Zeit wurde auch aus der Wilden Möhre eine Pflanze mit fleischigerer Wurzel, heute Karotte, gelbe Rübe oder Möhre genannt.

Der Kaiser von China und 365 Heilpflanzen

Zur gleichen Zeit wie bei den Babylonieren – also vor rund 5.000 Jahren – entsteht unter Kaiser Shennong („Göttlicher Bauer“) in China eine handschriftliche Zusammenstellung von 365 Pflanzen mit gesundheitsfördernden Eigenschaften. Es wird angenommen, dass Shennong den alten Chinesen nicht nur ihre landwirtschaftlichen Praktiken beigebracht hat, sondern auch den Gebrauch von pflanzlichen Arzneimitteln. Kaiser Shennong Yan (炎帝) ist bekannt als der erste Kaiser des alten China, der nicht nur die landwirtschaftlichen Werkzeuge, sondern auch Kräuter zur Behandlung von Krankheiten für sein Volk erfand.

Indien und die alte Lehre des Ayurveda

Dieses geschlossene Heilsystem des Kaisers Shennong ist auch Grundlage der tibetanisch-chinesischen Heilkunde, welche neben dem Ayurveda, dem indischen Wissen vom Leben, als eines der ältesten Heilsysteme gilt. Zumindest als schriftliche Überlieferung. Denn in Indien entstanden ungefähr zur gleichen Zeit Aufzeichnungen über den Gebrauch von Naturarzneien in den Veden, dem Heiligen Wissen. Etwa 1500 Heilpflanzen wurden um 700 v. Chr. von einem Indischen Arzt in der ‚Charaka Samhita‘, einer Zusammenfassung medizinischer Abhandlungen festgehalten. Dem Kernstück des Ayurveda.

Der Mann vom Tisenjoch, auch Ötzi genannt

Der Mann vom Tisenjoch, allgemein bekannt als „Ötzi„, eine etwa 5300 Jahre alte Gletschermumie aus der ausgehenden Jungsteinzeit (Neolithikum) bzw. der Kupferzeit, führte Birkenporlinge vermutlich als Heilmittel mit sich. Heilpflanzen und therapeutische Tätowierungen zeugen von medizinischer Versorgung des 5.000 Jahre alten Eismannes. Schon zu Ötzis Lebzeiten gab es eine „hochentwickelte Kultur der Krankenfürsorge“, berichten Forscher im „International Journal of Paleopathology“. Davon würden die medizinisch wirksamen Pilze und Pflanzen sowie die möglicherweise therapeutischen Tätowierungen zeugen, die die 1991 entdeckte, 5.000 Jahre alte Gletschermumie mit sich bzw. am Körper trug. (Quelle: Der Standard AT)

Volksheilkundliches Wissen

Schriftliche Belege der Nutzung von Kräutern und Heilpflanzen gibt es also seit rund 5000 Jahren. Ärchäologische Belege schon seit über 60.000 Jahren. Doch über Generationen wurde das Wissen über den Anbau und Wirkung der Heilkräuter mündlich weitergegeben. Heute nennt man dies Volksheilkundliches Wissen oder Erfahrungswissen.
Vieles was über Jahrhunderte oder Jahrtausende an Wissen weitergegeben wurde, ist mittlerweile auch wissenschaftlich nachgewiesen. Doch nicht alles, so weit reicht die Wissenschaftliche Forschung noch nicht, was nicht bedeutet, dass das alte Wissen falsch sei. Im Gegenteil, die moderne Pharmakologie kommt immer wieder zum Ergebnis, wie sicher die „Alten“ mit der Pflanzenheilkunde umzugehen wussten.

Vor 3000 Jahren

Keltische Druiden und die Heilkraft der Mistel

Bei den Kelten waren es die Druiden, die als Heilkundige galten. Bei ihnen war es besonders der Kult um die Mistel, die von ihnen angewendet wurde. Mistelpräparate werden heute in der Krebsbehandlung eingesetzt.

„Bemerkenswert ist der Hinweis auf die Heiligkeit der Mistel. Man kennt schon seit langem frühkeltische Skulpturen von Herrschern oder Heroen, deren Kopfbedeckung, die sogenannte Blattkrone, stark an ein stilisiertes Mistelblatt erinnert. In einem der frühkeltischen Gräber, die auf dem Glauberg bei Büdingen gefunden wurden, entdeckte man tatsächlich die Überreste einer solchen, aus Draht und Leder gefertigten Kopfbedeckung – die Vermutung liegt nahe, dass der hier Begrabene auch religiöse Funktionen hatte.“ So steht es im SPIEGEL – Das Geheimnis der keltischen Druiden, 2017

Bronzezeit & die Kelten

Dinkel und Hülsenfrüchte

Von den ersten Getreidesorten hatte sich besonders der Dinkel durchgesetzt. Er wurde von der Bronzezeit (1800 bis 800 v.Chr.) bis ins Mittelalter in klimatisch günstigen Gebieten reichlich angebaut. Vor allem in Bereichen, die sich für den Weizen nicht eigneten.

Zuerst wohl als Beikräuter auf den Feldern, traten Hafer, Roggen und Emmer erstmals auf und zu der Rispenhirse gesellte sich noch die Kolbenhirse. Als erste Hülsenfrucht kam die Puffbohne wohl über Südeuropa über die Alpen nach Norden.

Im Hohenheimer Versuchsfeld ist eine Rodungsinsel der Bronzezeit dargestellt. Der Dinkel (Triticum spelta) macht hier den Hauptteil aus, da er bei Ausgrabungen bronzezeitlicher Siedlungsplätze besonders in Süddeutschland häufig gefunden wurde. Sein Ursprung liegt laut den Forschenden bis heute im Dunkeln, er ist nicht so alt wie Einkorn, Emmer und Gerste und besitzt auch keine wilden Vorfahren in der Wildgräserflora des Vorderen Orients. Die ältesten Dinkelfunde gibt es südlich vom Kaspischen Meer und es wird angenommen, dass der aus einer Kreuzung von Wildemmer mit einer Aegilops Art hervorgeht.

Aegilops, auch Ziegengras genannt, ist eine Wildgras Art, die von der Mittelsteinzeit bis zu den Kelten bekannt war. Aegilops speltoides und Aegilops squarrosa spielen eine wichtige Rolle in der Herkunft und Zucht des heutigen Weizens. (Quelle: Spektrum, Lexikon Biologie)

Landwirtschaft und Ernährung der Kelten

Die Kelten betrieben Ackerbau mit stählernen Pflügen, bauten Getreide wie Dinkel und Emmer an und hielten sich Haustiere zur Arbeit und Ernährung. Die keltische Landwirtschaft basierte auf Ackerbau und Viehzucht. Auf kleinen umzäunten Äckern wurden Getreide (Emmer, Dinkel, Gerste, Hirse) und Leguminosen (Saubohnen, Erbsen, Linsen) angebaut. Die Hülsenfrüchte waren wichtige pflanzliche Eiweißlieferanten. Hinzu kamen Zwiebeln, Lauch, Kohl und Rüben. Als wilde Gemüse wurden dazu noch Löwenzahn, Brennnessel, Rettich, Sellerie verzehrt.

Lein, auch Flachs genannt, wurde als Faser- und Ölpflanze angebaut. Sogar Berauschendes hatte die keltische Landwirtschaft im Angebot: Schlafmohn. Bereits seit der Bronzezeit war die stimulierende Wirkung der Milch der Samenkapseln bekannt. Mohn schätzten die Kelten auch als Gewürz- und Ölpflanze. (Quelle: Kelten.de – keltische-landwirtschaft).

Die keltische Landwirtschaft war anderen antiken Kulturen in vielerlei Hinsicht überlegen. So entwickelten die Kelten eine einfache Erntemaschine für Getreide; sie erfanden eine Reihe von Eisenwerkzeugen, betrieben Feldrotation und bewässerten ihre Felder höchst effektiv. Auch die Verwendung von künstlichem Dünger war der keltischen Landwirtschaft bekannt. Um den Ertrag ihrer Felder zu erhöhen, vermischten die Bauern den Dung ihrer Tiere mit Mergel oder Kalk. Küstenbewohner düngten ihre Felder mit Vogelkot und verwendeten Seegras zur Bodenverbesserung. Auch bei der Lagerhaltung erwiesen sich die Kelten als erfinderische Zeitgenossen. Für Getreide nutzten sie unterirdische Lager, Fleisch konservierten sie mit Salz. Nach der Erfindung der Töpferscheibe standen den Bauern und Händlern zudem praktische und leicht herzustellende Tongefäße zur Aufbewahrung und zum Transport ihrer Waren zur Verfügung.“ https://www.kelten.de/keltische-landwirtschaft

Feldversuch Universität Hohenheim

Urgetreide – Feldversuch an der Universität Hohenheim

An der Universität Hohenheim werden auf Versuchsfeldern Wilde Vorfahren von Getreidearten gezeigt, die heute noch im Nahen Osten in der Wildflora vorkommen. Dazu gehören Wild-Emmer (Triticum dicoccoides), Wild-Einkorn (Triticum boeoticum) und Wild-Gerste (Hordeum spontaneum). Aus diesen und anderen großfrüchtigen Wildgrasarten sind die Getreidearten Emmer, Einkorn und Gerste sowie der Zwergweizen (Primitivform unseres Saat-Weizens) im Nahen Osten entstanden.  

Den größten Flächenanteil auf dem Feldstück nehmen Emmer (Triticum dicoccon) und Einkorn (Triticum monococcum) ein, daneben wird noch Saat-Gerste (Hordeum vulgare) in der Form der Nackt- und Spelzgerste, etwas Saat-Weizen (Triticum aestivum) sowie wenig Flughafer (Avena fatua) und Roggen-Trespe (Bromus secalinus) angebaut. Die beiden letztgenannten sind möglicherweise nur als Unkraut in den Getreidefeldern vorgekommen.  

Die aus der Jungsteinzeit in Süddeutschland sicher nachgewiesenen Nutzpflanzen wurden hier ebenfalls auf kleinen Beeten ausgepflanzt bzw. ausgesät. Einige dieser Pflanzen sind auch heute aus unserer Küche nicht wegzudenken, beispielsweise Kümmel (Carum carvi) und Petersilie (Petroselinum crispum).  

Alle hier gezeigten Arten hat der prähistorische Mensch in der Jungsteinzeit jedoch sicher als Nahrungspflanzen verwendet und größtenteils gezielt angebaut. Einige Gewürz- und Salatpflanzen sind vielleicht auch nur in der Wildflora gesammelt worden, so wie es bei vielen Waldfrüchten und beim Wildobst schon immer üblich war. 

Die meisten unserer heimischen Obst- und Beerenarten haben ihre Vorfahren in der heimischen Waldvegetation und waren an ganz besonderen Standorten am Aufbau der Laubwälder beteiligt. Etliche dieser Wildobstarten wurden auch hier mit in die umgebenden Waldstücke gepflanzt oder an deren Rändern angesiedelt, so z.B. der Wildapfel (Malus sylvestris), die Wildbirne (Pyrus communis), die Vogelkirsche (Prunus avium), die Haselnuß (Corylus avellana), die Schlehe (Prunus spinosa) usw. So sind wohl auch Himbeere, Brombeere, Erdbeere usw. einheimische Pflanzen, die sich an einigen Stellen in den Waldstücken von selbst angesiedelt haben.

Quelle: Geschichte der Nutzpflanzen, Universität Hohenheim und https://www.presseportal.de/pm/118695/4633780

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Wie es nach den KELTEN weitergeht, erfahrt ihr im nächsten Artikel

Geschichte der Heilpflanzen (4) – Hildegard von Bingen, Alchemisten und Paracelsus

Hildegard von Bingen und die Volksheilkunde

Die Rupertsberger Äbtissin Hildegard von Bingen schrieb zwischen 1150 und 1160 ihre medizinischen Werke „Physica„(Arzneilehre) und „Causae et curae“ (Krankheitslehre). Sie finden bis in unsere heutigen Tage in der Naturheilkunde Verwendung!

Bekannt geworden ist sie für ihre visionären Kräfte, die sie in der Behandlung einsetzte. Sie verwendete neben orientalischen Pflanzen wie Bertram und Galgant viele heimische Pflanze und nutzte deutsche Pflanzennamen.

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179 und gilt als erste Vertreterin der deutschen Mystik des Mittelalters. Ihre Werke befassen sich unter anderem mit ReligionMedizinMusikEthik und Kosmologie. Sie war auch Beraterin vieler Persönlichkeiten. Mit ihren beiden natur- und heilkundlichen Werken gilt sie als „Deutschlands erste schriftstellernde Ärztin“.

Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber, den Mönch Vollmar, weiter, Frontispiz des Liber Scivias aus dem Rupertsberger Codex (um 1180), Tafel 1 – Quelle wikipedia

Die Leistung Hildegards liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte. Sie entwickelte eigene Ansichten über die Entstehung von Krankheiten, Körperlichkeit und Sexualität. Eigene medizinische Verfahren entwickelte sie nicht, sondern trug lediglich bereits bekannte Behandlungsmethoden aus verschiedenen Quellen zusammen. Hildegards Krankheitstheorie ist der antiken Viersäftelehre sehr ähnlich, nur mit abweichenden Bezeichnungen. Causae et Curae beinhaltet viele sehr direkte Anweisungen, die jeweils nach Symptomen geordnet sind. Sie sind daher auch für medizinische Laien gut zu gebrauchen.

Aus eigenen Beobachtungen beschrieb sie in der „Physica“ 230 Kräuter und deren Wirkung. Auch 63 Bäume sowie Reptilien, Vögel, Fische, Steine und Heilerden hat sie beschrieben.

Alchemisten, Ärzte und Apotheker

Neben den Klöstern waren es vor allem Alchemisten und Ärzte, die sich um die medizinische Versorgung der Menschen kümmerten. Eher Heil „praktisch“ arbeiteten die sogenannten Bader, sie waren zum Beispiel für das Zähne ziehen, das meist auf Märkten oder Jahrmärkten öffentlich veranstaltet wurde, zuständig. Die ersten Apotheker, so wie man sie heute kennt, traten erstmals vor ungefähr 800 Jahren auf. Um 1240 erließ der Stauferkaiser Friedrich II die sogenannte ‚Constitutiones‘, eine Medizinalverordnung, die eine tiefgreifende Reformation des damaligen Gesundheitswesens zur Folge hatte. Hier wurde zwischen den Ärzten, die Behandlungsvorbehalt hatten und Apothekern unterschieden, die die Erlaubnis zur Herstellung und Abgabe von Arzneimitteln hatten. Viele Pflanzen führen ein „officinalis“ in ihren Namen, was darauf hindeutet, dass sie seit Jahrhunderten im „Offizium“, dem Labor des Apothekers verarbeitet wurden.

Heilerinnen und Hexen

Auch aus dem Volk gab es viele heilkundige Menschen, die das Erfahrungswissen weiter trugen. Sie galten als medizinische Laien, die sich jedoch mit Erfolg um die Gesundheit der Bevölkerung kümmerten. Die weisen Frauen waren der Kirche jedoch suspekt, da sie als Hebammen und Kurpfuscherinnen über Leben und Tod entscheiden konnten, sprich über Empfängnis, Verhütung und Abtreibung. Während der Inquisition kam es zu einer gnadenlosen Verfolgung der Kräuterhexen. Als Folge davon ging jahrhundertealtes Wissen aus der Volksheilkunde verloren. Auch der Verlust an direkter intuitiver Wahrnehmung ohne den Umweg über den Verstand. Beispielsweise auch das magische Wissen der Signaturenlehre.

Buchbeschreibung: „Seit Menschengedenken hüten Frauen die Geheimnisse um das Wohl des Menschen: Sie waren Pflegerinnen, Ratgeberinnen, Hebammen und Heilkundige in einer Person und genossen hohes Ansehen. Sie kannten sich mit Heilkräutern aus, wussten die besten Standort seltener und begehrter Exemplare und waren damit vertraut, wann gepflückt werden musste, damit diese ihre magische Kraft am besten entfalten konnten. Als Hebammen beherrschten sie die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle und wussten um die natürlichen Mittel zur Abtreibung oder Schwangerschaftsverhütung. Weise Frauen hießen sie im Volksmund.

Die „Ärztinnen des Volkes“ waren im Mittelalter die wichtigsten Ansprechpartner, wenn es um Krankheit, Liebeskummer oder ums Kinderkriegen ging. Ihnen vertraute man viel mehr als den männlichen Ärzten, meist Kleriker, denen es untersagt war, sich mit dem Frauenkörper intensiv zu beschäftigen. Der Glaube an die Kraft der Natur und das Vertrauen in die heilende Wirkung der Kräuter – und nicht in den christlichen Gott – wurden vielen Frauen zum Verhängnis. Sie wurden der Ketzerei verdächtigt, und ihre Heilkunst galt, weil sie zu undurchsichtig war, als Hexenwerk. Im Zuge der Hexenverfolgungen gerieten sie, wie viele andere, in Misskredit und waren zum Teil grausamen Verfolgungen ausgesetzt.“
(Das Buch stammt aus meinem Archiv: Leider ist es nur noch gebraucht zu kaufen)

Hexenverfolgungen – eine unbelegte These?

Mit den Hexenverfolgungen hätten Kirche und Obrigkeit das Wissen der Bevölkerung über Geburtenkontrolle und damit die weisen Frauen und ­Hebammen vernichten wollen, um die Bevölkerungszahlen ansteigen zu lassen – so die These der beiden Wissenschaftler Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. Allein durch die Pest von 1348 bis 1352 starben rund 25 Millionen Menschen – ein Viertel der Bevölkerung Europas. Wo die Pest gewütet hatte, waren ganze Landstriche menschenleer. Doch schon in den Jahren 1315 bis 1318 führten kalte und regnerische Jahre zu Missernten und damit zu Hungersnöten. Außerdem wirkten sich Kriege, wie der furchtbare 30-jährige Krieg von 1618 bis 1648, negativ auf das Bevölkerungswachstum aus. Konkret gesagt: Überall fehlten Arbeitskräfte, vor allem auf dem Lande, das sich zum größten Teil im Besitz des Adels und der Kirche befand. Für die These der beiden Wissenschaftler fehlen konkrete Beweise, eindeutige Dokumente oder Aussagen von historischen Persönlichkeiten. Viele Wissenschaftler widersprechen ihr. Auch der Begriff der »weisen Frau« ist fragwürdig und in der frühneuzeitlichen Literatur nicht zu finden. Vielmehr wird dort von der »Hebamme« und der »ehrbaren Frau« gesprochen. Quelle: PTA Forum – Die Geschichte der weisen Frauen

Renaissance und Humanismus

Mit dem Aufkommen des Renaissance-Humanismus wurde der theologische Einfluss auf die Medizin schwächer, lebte aber zum Beispiel in Form der Pestblätter bis in die Inkunabelzeit und danach weiter. Die therapeutische oder prophylaktische Anwendung von Magie, etwa in Form von Zaubersprüchen, und Gebeten oder Segen, war bis in die Renaissance (in Volksmedizin) verbreitet. Das Wissen über die Pflanzenheilkunde wurde im ersten gedruckten Kräuterbuch in deutscher Sprache, dem Gart der Gesundheit (1485) weitergegeben. Die Väter der Botanik korrigierten und erweiterten dieses Wissen ab dem 16. Jahrhundert. Zu den ersten deutschsprachigen Medizinwerken gehören unter anderem[71] das Arzenîbuoch Ipocratis (um 1200), das Innsbrucker (Prüller) Kräuterbuch (12. Jahrhundert), eine Übersetzung der Capsula eburnea vom Anfang des 14. Jahrhunderts, das Arzneibuch des Ortolf von Baierland und für den mittelniederdeutschen Bereich die Düdesche Arstedie (enthalten im Gothaer Arzneibuch[72]) aus dem 14. Jahrhundert.[73] Mit der langsamen Abkehr von der dogmatischen Humoralpathologie entwickelte sich nach und nach die moderne Medizin. Galens Auffassungen vom Fluss des Blutes wurden jedoch erst im 17. Jahrhundert durch William Harvey und Marcello Malpighi und teils gegen erhebliche Widerstände revidiert. Das öffentliche Verbrennen der Bücher von Galen und Avicenna durch Paracelsus hatte unmittelbar keine Auswirkungen. Komplett abgelöst wurde die Humoralpathologie schließlich im 19. Jahrhundert durch die Zellularpathologie. (Quelle: wikipedia)

Die Lehre von der Signatur und die spätere Spagyrik

Paracelsus führte zur Signatur an:
„Die Natur zeichnet jedes Gewächs, das von ihr ausgeht zu dem, dazu es gut ist. Darum, wenn man erfahren will, was die Natur gezeichnet hat, so muss man es an dem Zeichen erkennen, was Tugenden in ihm sind. „

In Europa geht die Signaturenlehre auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten Giambattista della Porta (1538–1615) zurück. Dieser hat in seinem Buch Phytognomonica (eine „Physiognomik der Pflanzen“) anhand von Signaturen ein System von Zusammenhängen zwischen Pflanzen, Tieren und Gestirnen aufzeigt.

Er beschrieb die Pflanzen und ordnete ihnen aufgrund ihrer “Signi” imaginäre Ursprünge und einen medizinischen Wert zu.
„Er stellte eine Verbindung her zwischen Farben und Formen von Blüten, Blättern, Rinden, Wurzeln und Früchten und ihren Ähnlichkeiten mit Organen und Körpersäften. Auch Bodenbeschaffenheit, Geruch, Geschmack, Wachstumsphase, Lebensdauer oder schlicht die Gestalt der Pflanze beachtete er. Hierbei hatte er stets das Universum im Blick – und die Entsprechungen zwischen oben und unten, zwischen Himmel und Erde, zwischen den Planeten und den Menschen. (Quelle: Spagyrische Baumessenzen, Martina Schneider, Natur & Heilen 8/2023)

Man dachte damals also, dass die Erscheinung einer Pflanze, ihre Farbe, ihr Geruch und ihr Standort anzeigen müssten, welche Krankheit mit ihrer Hilfe zu heilen sei. Hier einige Beispiele: Kräuter gegen Gelbsucht haben gelbe Blüten wie die Ringelblume, der Löwenzahn und das Leinkraut. Schöllkraut enthält in den Stängeln einen rotbraunen ätzenden Saft, was auf die Farbe der Galle hindeutet. Daher kam es bei Beschwerden der Galle, wie z.B. Koliken in Frage. In der Tat ist eine krampflösende Wirkung auf die Gallenwege wissenschaftlich erwiesen. [mehr dazu….]

Die Theorie ließ sich nicht (ganz) aufrechterhalten, weil sie so viele Ausnahmen zuließ. Die kurze Herrschaft der Signaturenlehre dauerte 100 Jahre. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 17. und 18. Jahrhundert, bevor sie durch die Systematik Carl von Linnés und die Erkenntnisse der modernen Chemie abgesetzt wurde.

Doch später im 19. Jahrhundert wurde die Lehre von der Signatur zum einen von Hahnemann in der Homöopathie im Sinne von „Ähnliches mit ähnlichem heilen“ und in der Spagyrik nach Carl Friedrich Zimpel (1801 bis 1879) wieder aufgegriffen. Zimpels spagyrisches Heilsystem fußte auf den Thesen Paracelsus‘. Auch heute findet sie in der Komplementär Medizin noch Anwendung. Der Begriff ‚Spagyrik‘ stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Trennen und Zusammensetzen. Pflanzen, die zu spagyrischen Produkten verarbeitet werden, werden vergärt, destilliert, verascht und extrahiert und dann als Essenzen angesetzt. Ein äußerst zeitaufwändiger Prozess.

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Fortsetzung folgt in Teil 4 (noch in Arbeit…)

Lese auch Teil 1 – Geschichte der Heilpflanzen (1) – Von der Steinzeit bis zur Antike

und Teil 2 Geschichte der Heilpflanzen (2) – Avicenna, Mittelalter und Klostermedizin


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