ROTER FINGERHUT (Digitalis purpurea) – Von Mythen und Herzglycosiden

Roter Fingerhut – Digitalis purpurea L.

Familie: Wegerichgewächse (Plantaginaceae)

Bildtafel: Franz Eugen Köhler, Köhler’s Medizinal-Pflanzen

Digitalis purpurea, auch bekannt als Roter Fingerhut, ist eine Pflanze von zauberhafter Schönheit, stark und zugleich von gefährlicher Potenz. Mythen und Legenden ranken sich um ihn herum, von Zauberern, Elfen und Kobolden wird erzählt. Bekannt ist er als Stärkungsmittel fürs Herz, aber auch als Giftpflanze. Eine Zauberpflanze, zu der mein Motto „zwischen Magie und Medizin“ hervorragend passt.

Achtung: Der Rote Fingerhut ist eine in Europa heimische Giftpflanze (!) 

Von Elfen, Feen und Hexen – Digitalis

Digitalis, der Rote Fingerhut war den griechischen Ärzten der Antike nicht bekannt. Auch Hildegard von Bingen erwähnt ihn nicht. Im Mittelalter hatte er auch volksmedizinisch keine Bedeutung. In England war er als Pflanze der Elfen bekannt und viele Mythen ranken sich um ihn, er wurde dort oft als „Fairy Gloves“ oder „Witches’ Gloves“ bezeichnet. Es heißt, dass die Blumen in Wirklichkeit die Fingerhüte von Feen und Hexen sind, die sie nachts tragen.

In der keltischen Mythologie wurde der Fingerhut als heilige Pflanze betrachtet, die magische Kräfte besaß. Man glaubte, dass die Feen in den Blütenkelchen Unterschlupf fanden und dass der Fingerhut Glück und Schutz bieten konnte. Andererseits wurde die Pflanze auch mit Hexerei in Verbindung gebracht, da sie angeblich in Zaubertränken und Giftmischungen Verwendung fand. Diese Legenden trugen zur geheimnisvollen Aura der Pflanze bei.

Historisches

Erst im 16. Jahrhundert wurde der Fingerhut von dem deutschen Arzt und Botaniker Leonhart Fuchs dokumentiert. Er gilt bis heute als einer der „Väter der Botanik“. Fuchs beschrieb die Pflanze in seinem Erstlings Werk „De Historia Stirpium commentarii insignes“, dem Vorläufer des 1543 erschienenen Werk „New Kreüterbuch“. Hier gab er ihm den wissenschaftlichen Namen Digitalis, abgeleitet vom lateinischen Wort „digitus“, was Finger bedeutet, in Anspielung auf die fingerförmigen Blüten.

Fuchs berichtet in der deutschen Ausgabe seines Kräuterbuchs (1543, Cap. CCCXLV): „Ist in summa ein schön lustig kraut anzusehen, habs derhalben nit künden übergeen, unangesehen das es noch in keinem brauch ist bey den ärtzeten, so vil und mir bewüßt.“ Er berichtet aber weiter unter Krafft und würckung, wozu es in der Volksmedizin verwendet wird, und schließt dann: „Unnd in summa, haben allerley würckung so die Entian hat, welche wir oben in jrem Capitel erzelet haben. Wer selbigen begert zu wissen, der mag sie am gedachten ort suchen und lesen.“ Auch Tabernaemontanus wusste 1588 noch keine ärztliche Verwendung für diese Pflanze: „Wozu diese Kreuter zu gebrauchen seyn/ finde ich nicht bey den Authorn.“

Im 18. Jahrhundert entdeckte der englische Arzt William Withering die heilenden Eigenschaften des Fingerhuts. Auf der Basis eines alten Familienrezepts zur Behandlung von Wassersucht, einer Herzinsuffizienz, die damals als „Dropsy“ (Wassersucht) bekannt war. Er behandelte damals mit Blättern des Roten Fingerhuts erfolgreich Ödeme. Witherings Arbeit markierte den Beginn der modernen Kardiologie und führte zur Entwicklung von Herzglykosiden, die noch heute in der Medizin verwendet werden.

Botanisches

Der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea), auch Fingerhut, Fingerkraut, Fuchskraut, Schwulstkraut, Unserer-lieben-Frauen-Handschuh, Waldglöckchen, Waldschelle genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Fingerhüte (Digitalis) in der Familie der Wegerichgewächse (Plantaginaceae).

Zur Familie der Fingerhüte gehören noch etwa 25 Arten, die in Europa, Nordamerika und im westlichen Asien verbreitet sind. Die Pflanze ist vor allem im Westlichen Europa heimisch bis hinunter nach Marokko. Man findet den Roten Fingerhut zerstreut, aber gesellig auf Kahlschlägen, vor allem des Gebirges, an Waldwegen und in Waldlichtungen. Er bevorzugt frischen, kalkarmen, sauren, lockeren, humusreichen Boden an sonnigen bis halbschattigen Standorten.

Der Fingerhut ist eine zweijährige Pflanze, die im ersten Jahr eine Rosette aus lanzettlichen, behaarten Blättern bildet und im zweiten Jahr einen hohen Blütenstiel entwickelt, der bis zu 1,5 Meter hoch werden kann.

Die auffälligen, röhrenförmigen Blüten sind in Trauben angeordnet und blühen von Juni bis September. Sie sind in verschiedenen Farbtönen erhältlich, von Purpur und Rosa bis Weiß, und haben oft charakteristische, gefleckte Innenwände, die Bestäuber wie Bienen anlocken.

Seit dem 16. Jahrhundert wird er in den gemäßigten Breiten als Zierpflanze in Parks und Gärten verwendet. Der Rote Fingerhut breitet sich als invasive Pflanze in gemäßigten Zonen und höheren Berglagen in Mittel- und Südamerika aus. Dort wird die Art auch durch Höschenkolibris (Eriocnemis) und Rückstrahlerkolibris (Aglaeactis) bestäubt. (Quelle: wikipedia)

Erfahrungsmedizin

Wie schon erwähnt wurde dem Fingerhut weder im Mittelalter noch im Altertum große Bedeutung beigemessen. Eine Rezeptsammlung in walisischer Sprache aus dem 12. oder 13. Jahrhundert erwähnt erstmals eine äußerliche Anwendung der Blätter. Sie wurden zur Behandlung von Wunden und Geschwüren verwendet.

Aufgrund ihrer starken Wirkung und potenziellen Toxizität wird die Pflanze jedoch heute nur unter medizinischer Aufsicht und in standardisierter Form verwendet.

Wirkstoffe

Die Wirkstoffe des Fingerhuts sind Herzglykoside, die heute überwiegend aus dem Wolligen Fingerhut gewonnen werden. Herzglykoside regen den geschwächten Herzmuskel an, sich wieder stärker zusammenzuziehen. Im therapeutischen Einsatz fertiger und standardisierter Digitalispräparate steht heute aber der die Herzfrequenz senkende Effekt von Digitalis mehr im Vordergrund als die Stärkung der Herzleistung.

Alle Pflanzenteile des Roten Fingerhutes sind hochgiftig. Bereits der Verzehr von zwei bis drei Fingerhutblättern kann tödlich enden. Aufgrund des bitteren Geschmacks kommt es allerdings selten dazu. (Quelle: wikipedia).

Wirkeigenschaften

Die pharmakologischen Eigenschaften von Digitalis purpurea beruhen hauptsächlich auf den herzwirksamen Glykosiden (genauer Cardenolide) Digoxin und Digitoxin. Diese Verbindungen wirken direkt auf das Herzmuskelgewebe und erhöhen die Kontraktionskraft des Herzens, was zu einer verbesserten Herzleistung führt.

Die Herzglykoside in Digitalis purpurea hemmen die Natrium-Kalium-ATPase-Pumpe in den Herzmuskelzellen. Dies führt zu einer erhöhten intrazellulären Kalziumkonzentration, die die Kontraktionskraft des Herzens verstärkt. Auf diese Weise wird die Inotropie gesteigert. Durch eine gleichzeitige Beeinflussung der Vaguskerne (Nervus vagus) verlangsamt Digitoxin das Herz, indem es die AV-Überleitung verzögert und wirkt so zusätzlich negativ dromotrop.

Anerkannte medizinische Anwendung

Früher wurden Fingerhutblätter volksheilkundlich bei Herzschwäche eingenommen, was jedoch wegen der geringen therapeutischen Breite (starke Giftwirkung der Cardenolide!) problematisch ist und sollte nicht mehr praktiziert werden. Digitalis-purpurea-Blätter und die daraus isolierten Cardenolide sind stark wirksame Arzneimittel und dürfen phyto­therapeutisch nicht verwendet werden. Aus diesem Grunde wurden Digitalis-purpurea-Blätter weder vom HMPC, noch von der ESCOP und der Kommission E bearbeitet.

Auf dem Arzneimittelmarkt stehen heutzutage Fertigarzneimittel mit den aus Digi­talisblättern isolierten Cardenoliden (Digitoxin und Gitoxin) zur Verfügung. Sie werden bei Herzinsuffizienz (Herzschwäche) ärztlich verordnet und dürfen nur in geeigneter Do­sierung eingenommen werden. Die bei Herzinsuffizienz eingesetzten Cardenolide werden heutzutage allerdings vorzugsweise aus dem gelben Wolligen Fingerhut (Digitalis lanata L.) gewonnen. Aus seinen Blättern werden die auf dem Markt befindlichen Reinstoffe Digitoxin, Acetyldigoxin und Lanatosid C isoliert.

Digitalis vs. Weißdorn

Die Hauptanwendung von Digitalis purpurea liegt in der Behandlung von Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern. In der modernen Medizin werden jedoch nur noch standardisierte Extrakte und synthetischen Derivate der Herzglykoside eingesetzt, um die Herzfunktion zu verbessern und die Symptome von Herzkrankheiten zu lindern. Die Dosierung muss jedoch sorgfältig ärztlich überwacht werden, da die therapeutische Breite der Herzglykoside sehr gering ist.

In der Phytotherapie verzichtet man auf Digitalispräparate wegen ihrer Giftigkeit. Bei Herzproblemen bis hin zu leichter Herzinsuffizienz hat sich heute vor allem Weißdorn (Crataegus monogyna oder laevigata) bzw. Weißdornextrakt durchgesetzt und als pflanzliches medizinisches Präparat bewährt. Seine Wirksamkeit bei geringgradiger Herzinsuffizienz ist in klinischen Studien nachgeweisen und belegt worden. (Quellen: DocCheck Flexicon Crataegus und Prof. med Sigrun Chrubasik, Uniklinik Freiburg )

Digitalis – Die Dosis macht das Gift

Digitalis purpurea ist eine hochgiftige Pflanze, und jede ihrer Teile, insbesondere die Blätter, Blüten und Samen, enthalten toxische Herzglykoside. Bereits kleine Mengen können schwere Vergiftungserscheinungen hervorrufen.

Eine Digitalis-Vergiftung kann eine Vielzahl von Symptomen verursachen, darunter Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verwirrtheit, Sehstörungen, unregelmäßiger Herzschlag und Herzstillstand. In schweren Fällen kann eine Vergiftung tödlich sein.

Die meisten bekannten Vergiftungen sind heute auf falsche Anwendung der Digitalis-Medikamente zurückzuführen, insbesondere Kinder sind gefährdet, wenn sie die Drops förmigen Tabletten mit Süßigkeiten verwechseln. Aufgrund der Gefahr einer Überdosierung ist es entscheidend, dass Digitalis haltige Medikamente nur unter strenger ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.

Die Behandlung einer Digitalis-Vergiftung umfasst in der Regel die Gabe von Aktivkohle zur Bindung der Toxine im Magen-Darm-Trakt, die Verabreichung von Antiarrhythmika zur Stabilisierung des Herzrhythmus und in schweren Fällen die Anwendung von Digitalis-Antikörpern, die die Herzglykoside neutralisieren können.

Giftpflanze des Jahres

Der Rote Fingerhut wurde 2007 zur Giftpflanze des Jahres gewählt.

Trotz ihrer Schönheit und Nützlichkeit ist es wichtig, die potenziellen Gefahren dieser Pflanze zu respektieren und sie nur unter fachkundiger Anleitung zu verwenden. So bleibt Digitalis purpurea ein beeindruckendes Zeugnis der Verbindung von Natur und Medizin, das sowohl Faszination als auch Vorsicht erfordert.

Unten Bilder von verschiedenen Fingerhut Arten: Roter Fingerhut (Digitalis purpurea) und Gelber Fingerhut (Digitalis lanata)

Ein Kommentar

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