WILDE KRÄUTER & FEINE WEINE – mit Andreas Durst im Portugieser

Ein Portugieser, der nach Waldboden riecht und nach Kirsche schmeckt. Alte Reben auf massivem tertiärem Kalk. Ein Weinberg mit Kräutern und Heilpflanzen. Zu Besuch im Kindenheimer Vogelsang bei Andreas Durst, Winzer und Fotograf

Wir stehen im Vogelsang in der Nähe von Grünstadt, bei Bockenheim, wo die Pfälzer Weinstraße ihr nördliches Ende hat. Nordöstlich sehen wir Flörsheim-Dalsheim, Weinleuten bekannt über renommierte Weingüter wie Keller, Raumland und auch Naturweinpioniere wie Bianca und Daniel Schmitt. An guten Tagen kann man sogar bis in den Taunus blicken. Im Osten liegt Heidelberg, der Blick schweift über Mannheim-Ludwigshafen und seinen BASF Türmen – zum Odenwald. Im Süden Karlsruhe und dahinter der Schwarzwald. Bis hin zur Hornisgrinde kann man blicken. Und hinter uns im Westen das Zellertal, mit dem Donnersberg als markanten Berg am Ende des Tals.  

„Die Lage Kindenheimer Vogelsang ist eine gesteinsreiche und gut durchlüftete Höhenlage mit kühlenden Winden, die auf circa 200 Meter (NHN) liegt.“

Andreas Durst in der Kindenheimer Lage Vogelsang. Portugieser Alte Reben. Foto: Ute Mangold, Autor

Hier wächst der Portugieser „Alte Reben“. So einen Weinberg hat man noch nicht gesehen!! Der gehört eigentlich unter Denkmalschutz. Wie knorrige Bäume liegen sie da die ururURalten Reben. Wurzelecht. Einzigartig die alten Knorzen und zwischen ihnen wachsen seltene Heilpflanzen wie die Mariendistel mit ihren weißgeaderten Blättern.

Mariendistel und Steppenpflanzen

Cardui mariae lautet ihr Name als Heilpflanze. Sie gehört zu den schönsten und größten Disteln und blüht von Juni bis August.  Ihren Namen ‚mariae‘ erhielt die Pflanze nach der alten Legende, dass die weißen Streifen auf ihren Blättern von der Milch Marias herrühren sollen. Als Arzneipflanze wurde sie bereits vom Dioskurides geschätzt, ein griechischer Arzt aus dem 1. Jahrhundert, der Epoche des Kaiser Nero. (Siehe auch Geschichte der Kräuter und Heilpflanzen). Und da ist auch ihre eigentliche Heimat, im Mittelmeerraum, in Südeuropa, Kleinasien und Nordafrika.

Die Blattrosette einer Mariendistel in der Weinlage Vogelsang. Portugieser Alte Reben. Foto: Ute Mangold, Autor

Direkt angrenzend liegt das Zellertal. Das Tal mit der mediterranen Flora und Steppenpflanzen. Dort habe ich schon mal kartiert für Wildkräuterwanderungen, die ich dort veranstaltet mit befreundetet Winzerinnen. Trocken und von sanften Winden durchflutet ist das Tal. Der sagenumwobene Donnersberg (Thonarsberg) schützt vor strengeren Westwindwetterlagen. Und damit auch vor Regen, mit der Folge, dass es mit unter 400 mm sehr trocken ist. (Zum Vergleich hier in Südbaden haben wir um die 800 mm Regen). Mittelmeerpflanzen wie Sichelmöhre, Färberwaid und Heilpflanzen wie die bei uns seltene Mariendistel wachsen im Zellertal.

Humus- und Handarbeit

Und auch im „Portugieser“ von Andreas Durst. In diesem alten Weinberg fühlt er sich wie ein Gärtner, so erzählt er. Hier kann man nicht mit einem Traktor reinfahren, nicht einmal mit einem Pferd. Massiver schwerer Kalkfels liegt hoch an. Hochverdichteter Boden, darauf eine geringe Humusauflage. Da stand erstmal Bodenarbeit an. Mit der Hacke hat er ihn aufgebrocken, mit dem Spaten geschwartet. Pferdemist und Kompost aufgefahren, homemade. Alles Handarbeit. Das hat sich gelohnt! Der Boden wurde lockerer, der Humusanteil wuchs. Die Dürren der letzten Jahre im Sommer überstand der Portugieser gut.

Doch tief wurzeln müssen sie hier, die alten Reben. Im Oberboden ist nicht viel zu finden. Löss Lehm mit einer geringen Humusauflage. Darunter steht das Gestein an. Tertiäre Kalke. Von der Gesteinsgeschichte etwas jünger als Muschelkalk. Und diese sorgen auch für das außergewöhnliche Aroma der Beeren. Wer sich so wie ich mehr für Geologie interessiert, lese hier weiter: Chamäleon Kalk.

Uralte Knorzen vom Portugieser Alte Reben. Mit Absenkern und neuen Trieben. Foto: Ute Mangold, Autor

Hundertzwanzig Jahre alte wurzelechte Reben

Wie alt sie genau sind, das weiß keiner. Derjenige, der ihn angelegt hat, ist 1910 gestorben. „Über 110 Jahre alt sind die Reben. Der Portugieser stammt aus einer sogenannten „Selection massale aus Württemberg. Vor 1910 gepflanzt. Wurzelecht. Portugieser mit ca. 15% Lemberger und 2 Sylvanerstöcke. Natürlich auch wurzelecht. Untergrund: Tertiärer Kalkfels mit roter Humusauflage in 80-120 cm Höhe. Kinderheimer Vogelsang 250 Meter NN.“ Erzählt Andreas Durst.

Unter einen Hektar hat er insgesamt gepachtet. Darunter auf ein paar Ar der alte Portugieser. Mit einem Ertrag von 15 Hektoliter pro Hektar. Zum Vergleich in einem „normalen“ Wingert können durchaus 100 Hektoliter /ha geerntet werden. Doch aus kleinsten Mengen holt er größtes heraus. Die Trauben sind kleinbeerig, der Extrakt in ihnen konzentriert.

Die Fässer im Weinkeller von Andreas Durst mit dem Portugieser Alte Reben, Foto: Ute Mangold, Autor

Fassprobe vom Portugieser 2020

In seinem Weingut, also eher in der Garage, in Kleinbockenheim machen wir eine Fassprobe. Portugieser Alte Reben, Jahrgang 2020. Eineinhalb Jahre lag er in zwei Fässern, gebrauchten Barriques, zur Reife und noch ein halbes Jahr in einem Tank. Beide Holzfässer darin zusammengeführt. Frisch herausgelassen ins Glas riecht er erstmal nach Waldboden. Ein Boden mit trockenen Laubblättern, herbstlich aber nicht feucht. Ein Tannenzapfen liegt vor uns auf dem Boden, ja genau so riecht er. Im Mund entfaltet er dann sein ganzes Potential. Man muss ihn schon kräftig durchkauen, ein wenig lüften lassen und kleine Schlucke nehmen, dann kommt sie – die Kirsche! Eine feine Frucht entwickelt sich. Das erinnert mich an eine Fassprobe im Piemont bei Enzo Boglietti. Und ja in Richtung Nebbiolo kann man durchaus denken. Die Länge des Weins im Abgang zeigt schon wieviel Potential er hat.

Ein Bericht im Spiegel zum Portugieser 2017

Seinen Status als schützenswerte Rebsorte hat der Portugieser jüngst auch durch einen Artikel im Spiegel – DER SPIEGEL mit dem Titel „Portugieser Rotwein, warum diese Rebsorte bekannter sein sollte“ – untermauert bekommen. Als einer der sieben empfohlenen Portugieser wurde der 2017er P mit „Transparentes Rubinrot, granatrot auslaufend. Stahlige Nase, etwas schwarze Johannisbeere und Baumrinde. Am Gaumen dann sehr präzise Frucht: Kirsche, Pflaume und kreidige Töne. Sehr viel Frische und Vitalität sowie ein fein geschliffenes Tannin. Extrem reduzierter und auf seine Art fordernder Wein.“ 2017 P, Andreas Durst , Pfälzer Landwein, 12 % alc., ca. 28 Euro

Andreas Durst, Winzer und Fotograf

Auf seinen Etiketten steht: „DURST – Ein Name, kein Programm“. Ein Scherz, also wenn jemand Programm hat…..Und einen Plan. Der Plan besteht aus einem Hektar alte Reben. Sylvaner und Portugieser. That’s it. Naturwein, Bio, ungeschwefelt, Biodyn, alle diese Etiketten passen nicht, auch wenn andere ihn gerne in diesen Kategorien haben wollten. Er macht, was er für richtig hält. Mit sicherem Instinkt für guten Wein, sagen wir es mal so. Vereinfacht.

Andreas Durst – Winzer und Fotograf. Foto: copyright Ute Mangold / wiesengenuss

Von Wuppertal nach Kleinbockenheim

Aus Wuppertal nach Kleinbockenheim eingewandert galt er als Pionier im Pfälzer Norden. Denn dort gibt es Lagen, die noch nicht so bekannt sind. Das Grafenstück bei Bockenheim, mit seiner Einzellage: dem Vogelsang. Und das schon erwähnte liebliche Zellertal, einige der wenigen Weingegenden in der Pfalz mit Südausrichtung und einem einzigartigem geschützten Klima durch den Donnersberg. Besonders an der Ecke im Norden ist, dass es sich um sogenannte „Kalktertiär“-Lagen aus dem Miozän handelt. Erdgeschichtlich ein paar hundert Millionen Jahre jünger als der Muschelkalk der Trias. Kalkriffe, die aus einem warmen Meer hervor wuchsen – kein Pazifik, sondern eher ein Südseetraum! Im Miozän gab es seichte Meeresbereiche, warme Lagunen, intime malerische Buchten, in denen das Meerwasser langsam verdampft und den Kalkschlamm zurück lässt, auf dem nun satte Weine wachsen.

Wein spricht Deutsch

„Weil er einen unverfälschten Blick hat“, wurde Andreas Durst von Stuart Pigott vor einigen Jahren beauftragt, sein Buch „Wein spricht Deutsch“ zu bebildern. Im Buch steht die Frage im Mittelpunkt „Wie schmecken die Weine, warum schmecken sie so?“

Auszug aus dem Klappentext: „Die Weinwelt von der Mosel bis nach Südtirol, von der Saale bis ins Elsass und die Wachau befindet sich in einem atemberaubenden Wandel. Traditionsbewusstsein begleitet von Weltoffenheit und Innovationsfreude führt zu einem nie dagewesenen Geschmacksreichtum und bislang unbekannter Ausdrucksstärke der Weine. Was wahre Winzerleidenschaft dabei grenzübergreifend verbindet, ist das vorbehaltlose Bekenntnis zur Reinheit und Authentizität des Weins. Denn echter Wein schmeckt nicht nur gut, sondern erzählt von einer Landschaft, in der er wächst, vom Wetter, dem er ausgesetzt ist, von den Eigenschaften der Reben und natürlich von den Menschen, die ihn pflegten und begleiteten.
„Wein spricht deutsch‹ vereint diese Geschichten zu stimmungsvollen Gebietsporträts, bei denen immer die Frage »Wie schmecken die Weine und warum schmecken sie so?« im Mittelpunkt steht. Aus dieser Perspektive wird die Geschichte selbst traditioneller Weinanbaugebiete völlig neu erzählt – und manche Geschichten, wie die der neuen Weinbaugebiete im Norden Deutschlands, zum ersten Mal.
Die rund 200 Fotografien sind starke und überraschende Blicke auf die Welt des deutschsprachigen Weins, und laden nicht weniger als die Texte zu einer Reise in diese prächtigen Weinlandschaften ein.“

Winzeralltag in Bildern

Er hat die Winzer, die Weinmacherinnen, die Önologen, die Familien über die Jahre persönlich kennen gelernt und ihre Eigenheiten, Macken und Kauzigkeiten porträtiert. Winzeralltag. Die Familie von der Oma bis zum Enkel beim Essen. Die Jungs mit dreckigen Hosen und verschwitzen Hemden in der Abfüllhalle. Fred Loimer in schwarz-weiß. Hansjörg Rebholz in ausgeblichenen Jeans vor dem Sicherungskasten – die VDP Fahne zurück geschlagen. Weinlandschaften im Herbstnebel, wenig Farben, dunkel, keine Idylle. Die Bilder zeigen: Wein machen ist ehrliche und echte Arbeit!

Bei den Winzern, die er porträtiert hat, hat er es wohl gelernt wie‘s geht. Das Wein machen. „Als Fotograf ist man ein guter Beobachter und Zuhörer“ – meint er.

Ein Kommentar

  1. Pingback:ANDREAS DURST, Winzer und Fotograf – Wiesengenuss

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